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Der Umgang mit Uneinigkeiten innerhalb der Prophetengefährten

Von: Muḥammad Zakariyya Kandhlawi | Übersetzer: Matthias B. Schmidt
Montag, 30 Mai, 2016 | In: Persönlichkeiten

Der Umgang mit Uneinigkeiten innerhalb der Prophetengefährten

Entnommen aus: „Scharia wa Tariqa“ von Muḥammad Zakariyya Kandhlawi 

 

Das Kritisieren der Prophetengefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein.

 

Der Prophet - Segen und Frieden auf ihm -  sagte: „Allāh – erhaben und makellos ist Er - spricht: „Ich erkläre dem den Krieg, der meinen Freund [walī] zu seinem Feind macht.““[1] Des Weiteren sagte der Prophet - Segen und Frieden auf ihm:

 

„Fürchtet Allāh! Fürchtet Allāh hinsichtlich meiner Gefährten. Macht sie nicht zum Ziel eurer Verleumdungen. Wer immer auch meine Gefährten liebt, der liebt sie, weil er mich liebt, und wer immer sie hasst, der hasst sie, weil er mich hasst. Wer immer auch meine Gefährten verletzt, der verletzt mich, die Zeit ist nah, da er im Zorn Allāhs sein wird.“[2]

 

Imām aḏ-Ḏahhabī schreibt diesbezüglich:

„Nur jene, die über das Leben der Gefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein – gelesen haben, wissen um ihre hohen Stufen, ihre Entwicklung in der Religion, ihre Anstrengungen gegen die Kuffār, ihre Verbreitung der Religion, ihr Bezeugen des Islam sowie über das Hochhalten der Flagge Allāhs und seines Propheten; ihr Wissen um die verpflichtenden Taten und die Gewohnheiten des gesegneten Propheten - Segen und Frieden auf ihm -  zu Lebzeiten und nach seinem Tod. Wären sie nicht gewesen, so hätten uns weder die fundamentalen, noch die spezifischen Wissenschaften erreicht. Ohne die Gefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein – hätten wir kein Wissen von den verpflichtenden Dingen und der Tradition [sunna] des Propheten, wir hätten kein Wissen über seine Aussprüche und wüssten nichts über Einzelheiten seines Lebens. Deswegen hat derjenige, der sie verleumdet, die Grenzen des Islam verlassen und ist vom Weg der Muslime abgewichen. Jemand, der sie verleugnet, tut dies aufgrund des Hasses in seinem Herzen und aufgrund der Missgunst, die in ihm durch seine Verdammung der Gefährten hervorgerufen wird. Seine Ablehnung ist gleichzeitig auch ein Zeichen der Ablehnung der Verse, welche ihre hohen Stufen loben. Ebenfalls ist es ein Zeichen dafür, dass er die Liebe, welche der Prophet für seine Gefährten hatte, ablehnt sowie seine Aussprüche, die über ihre Vorzüglichkeit sprechen. Ein weiterer Grund, weswegen ein Verleumder die Grenzen des Islams verlässt, ist der, dass die Gefährten die vertrauenswürdigsten und angesehensten Überlieferer von Aussprüchen des Propheten sind. Die Verleumdung des Überlieferers weist notwendigerweise auch auf eine Verunglimpfung dessen hin, von dem überliefert wird. Diese Worte nutzen nur demjenigen, der zu Denken vermag, zu verstehen sucht und dessen Glaube nicht durch Heuchelei und Häresie verdunkelt ist! All das, was der Prophet - Segen und Frieden auf ihm -  an Lob für die Gefährten verkündete, sollte jedermann ausreichen. Zum Beispiel überliefert Anas - möge Allāh mit ihm zufrieden sein -, dass sich Gefährten beim Propheten - Segen und Frieden auf ihm -  beschwerten, indem sie sagten: „Die Leute reden schlecht über uns.“ Der Prophet antwortete: „Der Fluch Allāhs, seiner Engel und der gesamten Menschheit ist auf demjenigen, der über meine Gefährten Schlechtes spricht!“[3] An anderer Stelle überliefert Anas, dass der Prophet - Segen und Frieden auf ihm -  sagte: „Allāh erwählte mich, erwählte meine Gefährten für mich und machte sie zu Freunden, Brüdern und Verwandten für mich. In der Zukunft werden Menschen erscheinen, die sie kritisieren und verleumden werden. Esst und trinkt nicht mit ihnen, heiratet sie nicht, betet nicht mit ihnen und verrichtet kein Totengebet für sie!“[4]

In seinem kitāb al-kabāʾir überliefert Imām aḏ-Ḏahhabī noch zahlreiche ähnliche Berichte. Er zitiert dort viele Gelehrte, die sagen, dass, wer auch immer über die Gefährten lästert, in ihnen Fehler sieht, ihre Sünden aufdeckt oder sie einer unehrenhaften Tat oder Aussage bezichtigt, ein Heuchler ist.

Der Umfang dieses Büchleins reicht bei weitem nicht aus, um all das anzuführen, was über jene gesagt wurde, die sie aufgrund ihrer Sünden kritisieren oder verleumden.

Auch die Überlieferungen bezüglich der Gärten von Fadak[5] ließen mich nie an den Gefährten zweifeln. Ich hörte vielerlei Einwände, aber dachte mir immer: „Wie könnte die Tochter des gesegneten Propheten - Segen und Frieden auf ihm -, die ihr gesamtes Leben damit verbracht hat, Korn in einer Schleifmühle zu mahlen und ihren Körper mit Wasserschläuchen abmühte, je eine Sklavin dieser vergänglichen Welt werden und den Kalifen Sayyidunā Abū Bakr - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – wegen eines belanglosen, weltlichen Guts ächten?“ Mein Herz war diesbezüglich stets rein! Diese und andere Kontroverse waren meiner Meinung nach stets lediglich eine Manifestation der Stärke des Glaubens der Gefährten.

Wie sollte eine derart üble Charaktereigenschaft wie Habgier auch jemals Kontrolle erlangen über Sayyida Fāṭima, Sayyidunā ʿAlī oder Sayyidunā ʿAbbās - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein -, wo doch sogar die Sklaven ihrer Sklaven weit entfernt von derart unehrenhaften Eigenschaften waren? Alle Kriege, die zwischen den Gefährten stattfanden, demonstrierten die Stärke ihrer Religion, ihres Wissens und ihres Glaubens. Die Angelegenheit der Gärten von Fadak war rein rechtlicher Natur. Sayyida Fāṭima und Sayyidunā Abū Bakr - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein – waren sich uneinig darüber, ob das Vermögen des Gesandten Allāhs - Segen und Frieden auf ihm -  vererbt werde oder nicht. Sayyidunā ʿUmar und Sayyidunā Abū Bakr waren der Meinung, dass der Ausspruch: „Wir hinterlassen kein Erbe“ eine allgemeingültige Regel für alle Muslime darstellt. Sayyidunā ʿAlī, Sayyida Fāṭima und Sayyidunā ʿAbbās hingegen waren der Meinung, dass dieser Ausspruch nur auf eine bestimmte Gruppe Menschen anzuwenden ist. Die Angelegenheit der Gärten von Fadak ist ein typisches Beispiel für Unstimmigkeit in der Interpretation prophetischer Aussprüche und der Scharia. Die Weigerung Sayyida Fāṭimas aufgrund dieser Begebenheit mit Sayyidunā Abū Bakr zu sprechen, bedeutet lediglich, dass sie danach nie wieder mit ihm über diese Parzellen Land sprach. Ḥāfiẓ ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī erwähnt dies in seinem Fatḥ al-Bārī und überliefert viele Aḥādīṯ, welche diesen Standpunkt festigen. Viele andere berühmte Kommentatoren von Ḥadīṯwerken sind ebenfalls dieser Ansicht. Meiner Meinung nach war es nicht die Liebe zu Besitztümern, sondern ihr absolutes Befolgen der Scharia, welche Sayyida Fāṭima zu Sayyidunā Abū Bakr gehen ließ, da sie fest davon überzeugt war, sie hätte rechtmäßigen Besitzanspruch. Deswegen war sie erzürnt und sprach nicht mehr mit ihm. Dies erklärt auch, wieso Sayyidunā ʿAlī und Sayyidunā ʿAbbās den Fall während Sayyidunā ʿUmars Kalifat erneut vorbrachten. Sie hofften, er würde ihnen Recht geben, obwohl er mit Sayyidunā Abū Bakr diesbezüglich übereinstimmte und an seiner Meinung festhielt.

Viele essentielle Gesichtspunkte der Religion wurden in der Zeit der ersten drei Kalifen praktisch vorgelebt. Als diese Angelegenheiten abgeschlossen und die Zeit der ersten drei Kalifen ein Ende fand, musste die Gemeinschaft der Gläubigen noch bezüglich eines anderen Sachverhalts unterwiesen werden, und zwar dem Widerstand gegen den Kalifen. Dies geschah in der Amtszeit des letzten Kalifen, Sayyidunā ʿAlī - möge Allāh mit ihm zufrieden sein. Um die Religion zu vervollkommnen, mussten all diese Ereignisse innerhalb der Epoche der rechtgeleiteten Kalifen [al-ḫulafāʾ ar-rāšidūn] vorgelebt werden. Aufgrund dessen bin ich der Überzeugung, dass Tribalismus oder Habsucht nie eine Rolle bei den Konflikten spielten, die die Gefährten untereinander hatten. Es beweist lediglich die Großartigkeit und Stärke ihres Glaubens. Sie standen für das, was sie als die Wahrheit erachteten ein und kämpften dafür, wenn sie sich dazu gezwungen sahen. Dies ist der Grund, weshalb ich auf Menschen, welche die internen Konflikte der Gefährten als menschliches Versagen abtaten, stets mit Gleichgültigkeit blickte; so wie es ein jeder, der die Ḥadīṯbücher tiefgehend studiert hat, tun würde.

 

Innere Konflikte der Gefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein

 

In meinem Buch al-ʿItidāl schrieb ich ausführlich über die inneren Konflikte der Gefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein. Die Schlacht von Ǧamal war eine erbitterte Schlacht zwischen Sayyidunā ʿAlī und der Mutter der Gläubigen, Sayyida ʿĀʾischa - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein. Mehr als zwanzigtausend Menschen starben in dieser Schlacht! Vor Beginn des Kampfes trat Sayyidunā ʿAlī an die Front und rief nach Sayyidunā Zubayr [ibn al-ʿAwwām]. Als Sayyidunā Zubayr hervortrat, umarmten sich beide und weinten. Sayyidunā ʿAlī fragte: „Was bringt dich dazu, hierher zu kommen und mir Widerstand zu leisten?“ Er antwortete: „Das Blut von Sayyidunā ʿUṯmān - möge Allāh mit ihm zufrieden sein!“ und die beiden sprachen noch eine Weile miteinander.

So verhielten sich die Befehlshaber zweier Armeen, die bereit waren, gegen einander zu kämpfen und einander zu töten! Nach dem Gespräch schritten sie zum Kampf, welchen Sayyidunā ʿAlī gewann und er machte viele Gefangene. Einige der Gefährten Sayyidunā ʿAlīs bestanden auf die Exekution der Gefangenen, er aber lehnte dies ab, ließ sie den Treuschwur leisten und verzieh ihnen. Er erlaubte ihren Besitz als Kriegsbeute an sich zu nehmen, verbot aber, sie zu versklaven [wie es üblicherweise Brauch war]. Einige Soldaten protestierten: „Wenn du ihren Besitz zur Kriegsbeute erklärst, dann solltest du sie auch versklaven!“ Anfangs schwieg Sayyidunā ʿAlī, aber als sie darauf bestanden, sagte er: „Sagt mir, wer von euch ist bereit unsere Mutter, Sayyida ʿĀʾischa, zur Sklavin zu nehmen?“ Daraufhin antworteten sie: „Niemand! Wir bitten Allāh um Vergebung! Das können wir nicht.“ Sayyidunā ʿAlī - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – sagte: „Auch ich bitte Allāh um Vergebung.“

Schaffen wir es je, denen Respekt zu zollen, die uns widersprechen? Zollen wir überhaupt jenen, mit welchen wir über persönliche Belange im Streit liegen, soviel Respekt wie die Gefährten einander im Kriegsfall?

Kurz vor Ende dieser Schlacht stürzte das Kamel von Sayyida ʿĀ´ischa - möge Allāh mit ihr zufrieden sein. Sayyidunā ʿAlī befahl hierauf sofort: „Vorsicht! Stellt sicher, dass die Mutter der Gläubigen nicht verletzt wird!“ Schließlich erreichte Sayyidunā ʿAlī das Kamel der Mutter der Gläubigen und fragte besorgt: „O Mutter, bist du verletzt? Hast du dir wehgetan? Möge Allāh - erhaben und makellos ist Er – dir deinen Fehler verzeihen!“ Sie antwortete: „Möge Allāh - erhaben und makellos ist Er – auch dir vergeben!“

Derart war das Betragen und die Ehrerbietung der Gefährten - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein – gegenüber ihren Widersachern. Was würden wir tun, wenn unsere Gegner uns in die Hände fielen? Würden wir ihr Leben schonen? Ihren Besitz? Ihre Ehre?

Die Schlacht von Ṣiffīn war die berühmteste Schlacht zwischen Sayyidunā ʿAlī und Sayyidunā Muʿāwiya - möge Allāh mit ihnen beiden zufrieden sein. Viele Geschichtsschreiber berichten, dass die beiden Armeen den ganzen Tag gegeneinander kämpften, aber als der Abend kam, die Soldaten der einen Arme zu jeweils anderen gingen und einander bei den Beerdigungen und Totengebet halfen.[6] Immer wenn eine der Parteien sich über eine Gesetzmäßigkeit der Scharia im Unklaren war, schickte sie einige ihrer Männer zur anderen, um diese dort zu erfragen.[7]

Der Kaiser des byzantinischen Reiches versuchte sich diese Spaltung der Muslime zu Nutze zu machen. Als Sayyidunā Muʿāwiya davon erfuhr, schrieb er dem Kaiser in einem Brief: „Solltest du dich entschieden haben anzugreifen, so schwöre ich bei Allāh - erhaben und makellos ist Er -, dass ich mit ʿAlī Frieden schließen werde und in vorderster Front der Armee, welche er gegen dich entsenden wird, kämpfen werde. Wir werden Konstantinopel zerstören und deine Regierung aus ihren Löchern ziehen wie Möhren und Rüben.“[8]

Hintergrund dieser Situation ist ein Brief, welcher der byzantinische Kaiser Muʿāwiya zukommen ließ, in welchem geschrieben stand: „ʿAlī ist ein Dorn in deiner Seite. Ich werde eine Armee entsenden, um dich zu unterstützen.“ Muʿāwiya antwortete ihm Folgendes: „O Hund der Christen! Du willst aus unseren Meinungsverschiedenheiten Kapital schlagen! Wisse, solltest du auch nur einen Blick in ʿAlīs Richtung werfen, so wird dir Muʿāwiya als Soldat ʿAlīs deine Augen auskratzen!“ Ebenso lesen wir in einer anderen Überlieferung, dass Muʿāwiya - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – sagte: „Ich schwöre bei Allāh! ʿAlī ist weit besser und vorzüglicher als ich. Ich leiste ihm nur wegen des Blutes ʿUthmāns widerstand. Wenn er für das Blut ʿUthmāns Rache nimmt, so bin ich der erste Einwohner der Levante, der zu seinen Händen den Treueschwur leisten.“[9]

Während der Herrschaft Muʿāwiyas ertappte einst ein Mann namens ibn Ḫaybarī seine Frau bei der Unzucht mit einem anderen Mann. Unfähig sich zu beherrschen, tötete er den Unzüchtigen. Als der Fall Muʿawiya - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – vorgelegt wurde, wusste er nicht, wie er entscheiden sollte. Aufgrund der Umstände des Verbrechens zögerte er, den Mörder zu exekutieren. Sayyidunā Muʿāwiya schrieb sodann Sayyidunā Abū Mūsā al-Ashʿarī, um den korrekten Richtspruch bei Sayyidunā ʿAlī zu erfragen.[10]

Würden wir uns jemals unsere Unwissenheit vor unseren Gegnern eingestehen? Wären wir in der Lage, sie nach Dingen zu fragen, über die wir kein Wissen besitzen? Wir würden unseren Gegnern zu keiner Zeit über den Weg trauen.[11]

Es geschahen noch viele ähnliche Dinge zwischen Sayyidunā ʿAlī und Sayyidunā Muʿāwiya - möge Allāh mit ihnen zufrieden sein. Scheich Yūsuf[12] hat sie in seinem Werk Ḥayāt al-Ṣaḥāba gesammelt.

Nach dem Tod Sayyidunā Alīs kam Ḍarār ibn Ḍamura Kinānī (ein loyaler Unterstützer ʿAlīs) zu Sayyidunā Muʿāwiya. Sayyidunā Muʿāwiya - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – befahl: „Beschreibe mir ʿAlī - möge Allāh mit ihm zufrieden sein!“ Er sagte: „O Führer der Gläubigen, wirst du mich nicht dieser Aufgabe entbinden?“ - „Nein! Du sollst ihn mir beschreiben!“ Daraufhin erzählte Ḍarār:

„Wenn ich es dir erzählen muss, so höre! Ich schwöre bei Allāh, Sayyidunā ʿAlī war eine erhabene Persönlichkeit und sehr stark. Er war geradlinig in allem, was er sprach, und herrschte mit Gerechtigkeit. Wissen und Verstand sprossen aus jeder seiner Poren. Die materielle Welt, ihre Schönheit und ihr Glanz behagten ihm nicht. Allāh ist mein Zeuge, dass er viel weinte und viel nachdachte. Er schlug sich auf die Innenflächen seiner Hände, wenn er sich selbst zu Rechenschaft zog. Er liebte einfache Kleidung und bevorzugte einfache Speisen. Ich schwöre bei Allāh, er lebte unter uns, als wäre er einer von uns gewesen! Wenn wir ihn besuchten, setzte er uns nah zu sich und was wir auch fragten, beantwortete er. Trotz seiner Schlichtheit und seinem Umgang mit uns hatten wir aus lauter Ehrerbietung und Furcht nicht den Mut, ihn anzusprechen.

Wenn er lächelte schienen seine Zähne wie aufgereihte Perlen. Er achtete die Gottesfürchtigen und liebte die Armen. Kein Reicher oder Einflussreicher konnte hoffen, bei einer Missetat unbescholten davon zu kommen. Kein Armer oder Schwacher musste fürchten, dass ihm Gerechtigkeit vorenthalten bleibe. Ich bin Zeuge bei Allāh, dass ich ihn sah, wie er in der Dunkelheit der Nacht in der Gebetsnische [miḥrāb] saß, seinen Bart umklammerte und zitterte, als hätte ein giftiges Tier ihn gebissen. Er weinte wie ein Trauernder und bis heute höre ich seine Stimme wieder und wieder „O mein Herr! O mein Herr!“ flehen. Er erniedrigte sich vor Allāh. Dann sprach er zur diesseitigen Welt: „Du willst mich verführen und schmückst dich nur für mich! Geh weg von mir, geh und versuche es bei jemand anderen! Die Sitzungen mit dir sind minderwertig und deine Entbehrungen leicht! O Seele! O Seele! Der Proviant für das Jenseits ist gering, die Reise ist lang und der Weg gefährlich!“

Als Ḍarār zum Ende kam, weinte Sayyidunā Muʿāwiya - möge Allāh mit ihm zufrieden sein. Sein Bart war vollgesogen von Tränen und er wischte sie ständig mit seinen Ärmeln fort. Auch andere Anwesende schluchzten und weinten. Sayyidunā Muʿāwiya - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – sagte abschließend: „Du hast wahr gesprochen! Abū al-Ḥasan war so, wie du ihn beschrieben hast. Möge Allāh ihm gnädig sein.“ Dann fragte er: „O  Ḍarār, wie stark betrauerst du den Tod ʿAlīs?“ Ḍarār antwortete: „Wie eine Mutter, deren Kind in ihrem Schoß geschlachtet wurde! Ihre Tränen können nie versiegen und ihre Trauer nie gemindert werden.“ Dann kehrte Ḍarār zurück.

Iḥsān ist ein Fundament der Religion, deshalb kann die Religion ohne Iḥsān niemals vervollkommnet werden. Aus diesem Grund sagte der gesegnete Prophet - Segen und Frieden auf ihm: „Ich bin die Quelle der Weisheit, und ʿAlī ist das Tor.“[13] Er sagte damit, dass ʿAlī das Tor zu den verschiedenen Wegen des Taṣawwuf, des Sulūk und der Weisheit ist. Menschen die behaupten, Taṣawwuf entstamme dem Hinduismus oder Buddhismus, sind in Gänze unwissend in der Religion! Der Taṣawwuf entstand bereits zu Lebzeiten des Propheten - Segen und Frieden auf ihm – und seine Fortsetzung in bestimmter Form erreicht uns durch Sayyidunā ʿAlī [wie wir später noch erwähnen werden]. Dies ist ein langwieriges Thema, aber meine Gesundheit erlaubt mir nicht, es in Gänze abzuhandeln.

 

Defizite unseres Verständnisses

 

Trotz all dem oben Geschriebenen soll man nicht glauben, es hätten sich mir bezüglich den Aussprüchen und Überlieferungen niemals Fragen aufgetan. Ich hatte Fragen, aber immer wenn ich etwas nicht verstand, war ich fest davon überzeugt, dass mir einfach das nötige Wissen zum Verstehen fehlte! Als meine Tochter noch klein war und Qāʿida Baghdādiyya[14] las, las sie beim Verbinden der Buchstaben folgendermaßen: „Alif madda – Ā, nūn fatḥa – na: Āna. Bā alif fatḥa – bā nūn fatḥa – na: Bāna“ Ebenso las sie tāna, ṯāna, etc. Dann lehrte sie ihre Mutter: „Hamza madda – Ā, nūn fatḥa – nā: Āna.“ Meine Tochter sprach auf und fragte: „Wie kann dies āna sein Mutter? Es sollte doch hamzāna heißen!“ Meine Frau wälzte die Angelegenheit auf mich ab und sagte: „Frag deinen Vater, wenn er nach Hause kommt.“ Ich war an jenem Tag zu müde, um es ihr zu erklären, und sagte nur: „Jetzt verstehst du das noch nicht, aber wenn du älter wirst, wird dir alles klar werden.“

Immer wenn ich danach Fragen und Einwände zu Aussprüchen und Überlieferungen hatte, erinnerte ich mich an die Antwort, die ich einst meiner Tochter gegeben hatte: „Jetzt verstehst du das noch nicht!“

 

 

[1] Bukhārī, al-Tawāḍuʿ

[2] Tirmidhī, fī man Sabba Aṣḥāb al-Nabiyy

[3] al-Muʿjim al-Ausaṭ, Man Ismuhū Aḥmad

[4] Kanz al-ʿUmmāl, al-Bāb al-Thālith fī Dhikr al-Ṣaḥāba wa Faḍlihim

[5] Fadak – eine Parzelle Land, welche der Prophet - Segen und Frieden auf ihm -  in Ḫaybar besaß. Sayyida Fāṭima - möge Allāh mit ihr zufrieden sein – beanspruchte diese als Erbe für sich, als Abū Bakr sein Kalifat antrat.

[6] Al-Bidāya wa al-Nihāya 7/227.

[7] Tārīkh al-Khulafā´.

[8] Tāj al-ʿUrūs 7/208.

[9] Al-Bidāya wa al-Nihāya 7/129.

 

[10] Muwaṭṭa´, al-Qaḍā´ fī man wajada maʿa imra´tihī rajulan

[11] Al-Iʿtidāl, Seite 230

[12] Yūsuf Kāndhelwī (1917-1965) war der Sohn von Ilyās Kandhlewi, dem Begründer der Tablighī Jamāʿa. Er machte dort weiter, wo sein Vater aufgehört hatte.

Sein Buch Ḥayāt al-Ṣahāba, welches im Original auf Arabisch verfasst wurde, ist in viele Sprachen übersetzt worden und wird weltweit gelesen.

[13] Tirmidhī, Manāqib ʿAlī ibn Abī Ṭālib

[14] Ein kleines Büchlein zum Erlenen der arabischen Sprache.

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