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Die Notwendigkeit und Legitimität des Taqlīd

Von: Mufti Abdurrahman ibn Yusuf | Übersetzer: Matthias B. Schmidt
Donnerstag, 18 Februar, 2016 | In: Methodenlehre der praktischen Theologie (Uṣul al-Fiqh)

Die Notwendigkeit und Legitimität des Taqlīd[1]

 

 

 

Taqlīd: Das Befolgen einer Rechtsschule

Das Hauptanliegen dieses Buches ist es, Einblick in tiefgehende Diskussionen bezüglich jener Aspekte des Gebets zu geben, welche Gegenstand von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der vier Maḏāhib oder Rechtsschulen sind, wobei in jeder Angelegenheit besonderes Augenmerk auf der hanafitischen Position liegt. Da jedoch vielen Muslimen bereits das Konzept des Taqlīd bzw. „das Befolgen einer Rechtsschule“ fremd ist, ist zu Beginn eine Darlegung dieser Thematik erforderlich.

Diesbezüglich werden wir den Taqlīd innerhalb dieses Kapitels in drei Unterkapiteln diskutieren: (1) Was ist Taqlīd? (2) Taqlīd: Einem Imām in Angelegenheiten der Scharia Folge leisten (3) Einem bestimmten Imām in jeder rechtlichen Angelegenheit folgen.[2] Dies wird hoffentlich jegliche Verwirrung bezüglich des Taqlīd ausmerzen, und jenen dienlich sein, die in dieser Angelegenheit Klarheit wünschen.

 

1.Was ist Taqlīd?

 

Definition von Taqlīd

 

wörtlich: Taqlīd ist Verbalnomen, welches der arabischen Wortwurzel q-l-d entspringt, was so viel bedeutet wie „etwas [hin-][3]legen“, „umschließen“, oder „mit einem Halsband schmücken“.

 fachspezifisch: Die Akzeptanz der Aussage eines Anderen ohne Beweis oder Beleg zu erfragen, in festem Glauben, dass die Aussage in Übereinstimmung mit Tatsache und Beweis getroffen wurde.

 

Taqlīd im Allgemeinen

 

Die Veranlagung zum Taqlīd ist jedem von uns inhärent. Hätten wir uns geweigert, Taqlīd an unsere Eltern und Lehrer zu machen, so wären wir gar der essentiellsten und grundlegendsten Angelegenheiten des Menschseins beraubt. Der Mensch ist von Natur aus mit der Fähigkeit ausgestattet, andere nachzuahmen und ihnen zu folgen. Wäre dies nicht der Fall, so wären wir nicht in der Lage gewesen, unsere Muttersprache zu erlernen. Hätten wir uns geweigert, unhinterfragt eine jede Weisung, jeden Wink und Ruf unserer Lehrer anzunehmen, so wüssten wir nicht einmal um das Alphabet der Sprache, die wir sprechen; vom Studium und Schreiben von Büchern ganz zu schweigen. Unser gesamtes Leben – eine jede Facette unseres Lebens; das Essen, Trinken, Kleiden, Laufen, Arbeiten etc. – sind mit eben diesem Konzept, dem Taqlīd verbunden. Unsere intellektuelle und kulturelle Entwicklung ist nichts weiter, als das Resultat des Taqlīds an unsere Eltern, Lehrer und andere.

Würde man sich die fachspezifische Terminologie eines jeden Wissenschaftszweiges nicht auf Grundlage des Taqlīds aneignen [, also ohne die Autorität dieser Terminologie zu hinterfragen], so würde man in keiner Wissenschaft Fertigkeit erlangen. Würde man sich die Bedeutung von Worten und ihren idiomatischen Gebrauch nicht durch Taqlīd an Linguisten und den Normen unserer Sprache aneignen, so könnten wir in keiner Sprache kommunizieren.

Oft lernt der Mensch erst durch die zerstörerische Wirkung von Gift und die heilende Wirkung der Medizin, den Vorzug des Taqlīds zu schätzen. Wenn eine Armee im Kriegsfall nicht bedingungslos einem jeden Befehl ihres Kommandanten gehorcht, so kann sie niemals obsiegen! Würden die verschiedensten Ausschüsse des Parlaments nicht den Vorschriften des Gesetzgebers gehorchen, so könnten in keinem Land Recht und Ordnung hergestellt werden. Kurzgefasst: Die Entwicklung und Perfektion unseres physischen, spirituellen, intellektuellen, akademischen, moralischen und sozialen Lebens ist fest im Taqlīd verwurzelt – dem Anerkennen und Folgeleisten sachkundiger Autoritäten.  

 

Die Notwendigkeit des Taqlīd

 

Es gibt im islamischen Recht zwei Arten von verpflichtender Notwendigkeit: wuǧūb bi-ḏ-ḏāt und wuǧūb bi-l-ġayr.

Wuǧūb bi-ḏ-ḏāt bedeutet „aus sich selbst heraus notwendig“ – in anderen Worten: Taten, welche das islamische Gesetz aufgrund der Natur ihres Wesens entweder anordnet oder verbietet. Etwa das Gebot des Gebetes oder das Verbot der Vielgötterei.

Wuǧūb bi-l-ġayr bedeutet „notwendig [bzw. verpflichtend] aufgrund eines äußeren Faktors“ – in anderen Worten: Taten, welche nicht in sich verboten oder verpflichtend sind, aber Grundlage für andere Taten darstellen, zu welchen im Koran oder Sunna explizit aufgerufen wird; man könnte auch sagen: Taten verpflichtender Natur, welche das verpflichtende Wesen jener Taten annehmen, welchen sie zugrunde liegen.

Ein Beispiel ist das Aufschreiben des heiligen Korans und der Aussprüche des Propheten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm -. ʿAbd Allāh ibn ʿUmar - möge Allāh mit ihm zufrieden sein – überliefert, dass der Gesandte Allāhs - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – sagte: „Wir sind eine Nation, welche weder schreibt, noch [be-]rechnet.“[4] Dieser Ḥadīṯ impliziert ein Verbot des Aufschreibens des Korans und der Sunna (, obgleich er bezüglich der Beobachtung des Mondes getätigt wurde). Es wurde jedoch [zu späterer Zeit] als notwendig befunden, den Koran und die Sunna schriftlich festzuhalten, um ihre Authentizität zu bewahren und sie einer breiteren Masse verfügbar zu machen. Aufgrund dessen wird solch eine Niederschrift nicht im Widerspruch mit obigem Ḥadīṯ verstanden, niemand stellte die Notwendigkeit der Niederschrift infrage oder verlangte je einen Beweis [der Legitimität].

Das Bewahren des Korans und der Sunna ist eine Tat, welche uns kategorisch anbefohlen (weswegen sie als wuǧūb bi-ḏ-ḏāt gewertet wird) und von der Scharia besonders betont wurde. Die Erfahrung lehrt uns, dass ein solches Bewahren normalerweise nicht möglich ist, ohne den Koran oder die Sunna zu verschriftlichen. Aus diesem Grund wurde die Niederschrift des Korans und der Sunna als wāǧib [verpflichtend] kategorisiert. Der Konsens der gesamten Umma (muslimischen Gemeinschaft) bezüglich der Niederschrift des Korans und der Sunna hat uns über die Generationen durch eine ununterbrochene Überlieferungskette erreicht. Die Notwendigkeit dieser Niederschrift wird deshalb als wuǧūb bi-l-ġayr klassifiziert. Aus genau jenem Grund wird der Taqlīd, oder „das Befolgen einer Person in Angelegenheiten des islamischen Rechts“, ebenfalls als wāǧib [verpflichtend] erachtet, da er in unter die Klassifikation von wuǧūb bi-l-ġayr fällt. Im Lichte obiger Erklärung finden wir bezüglich der Notwendigkeit des Taqlīd umfangreiches Beweismaterial.

Besonders wichtig ist der Taqlīd in einem Zeitalter, in welchem die große Mehrheit der Muslime unwissend in den grundlegendsten islamischen Wissenschaften ist, denn ohne Taqlīd ist ihnen ein Befolgen der klaren und eindeutigen Gesetzmäßigkeiten des heiligen Gesetzes schlicht nicht möglich. Für all jene, welche nicht einmal das Grundwissen für den Umgang mit den Quellen der Scharia erworben haben und welche die Methoden der Rechtsfindung [iǧtihād] aus den heiligen Schriften nicht beherrschen, ist Taqlīd sowohl essentiell als auch verpflichtend.

 

Beweise aus den Aussprüchen des Gottesgesandten

 

Aswad ibn Yazīd überliefert:

Muʿāḏ [ibn Ǧabal] kam als Lehrer [oder: als Führer] zu uns in den Jemen. Wir fragten ihn bezüglich einer Person, welche verstorben war und [als Erben] eine Tochter und eine Schwester zurückließ. Er legte fest, dass die eine Hälfte der Tochter und die andere Hälfte der Schwester zustünde.“[5]

Dies ereignete sich bereits zu Lebzeiten des Gottesgesandten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – und begründet [unter anderem] folgende Punkte:

  1. Taqlīd wurde bereits zu Lebzeiten des Gesandten Allāhs - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – praktiziert. Der Fragende verlangt [in dieser Überlieferung] weder Beweis noch Grund für diesen Rechtspruch. Er akzeptierte diesen Rechtsspruch, da er sich auf die Verlässlichkeit, Gottesfurcht und Rechtschaffenheit Muʿāḏs verließ. Dies ist ein präzises Beispiel für angewandten Taqlīd.
  2. Der Gesandte Allāhs - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – kritisierte seine Zeitgenossen nicht dafür, dass sie Muʿāḏ diesbezüglich folgten, und er erhob auch keine Einwände gegen diese Angelegenheit.
  3. Dieser Ḥadīṯ beweist die Legitimität von Taqlīd Šaḫsī, beziehungsweise „dem Folgen einer bestimmten Person in Angelegenheiten des islamischen Rechts.“ Der Gesandte Allāhs - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – hatte Muʿāḏ dazu auserkoren, den Menschen des Jemen religiöse Anweisung zu geben. Somit ist offensichtlich, dass der Gottesgesandte - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – den Menschen des Jemen sowohl das Recht als auch die Erlaubnis gewährte, sich in allen Belangen ihrer Religion auf Muʿāḏ zu stützen. Die Rechtsgültigkeit und Erlaubnis des Taqlīd geht klar aus dieser Begebenheit hervor, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass sich all dies in der glorreichen Zeit des Gesandten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – ereignete.

 

Die Übel des Ablegens des Taqlīd

 

Es ist wohlbekannt, dass viele, wenn nicht die Mehrheit der Menschen unserer Zeit, ihr Leben nicht gemäß dem Vorbild des Gottesgesandten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm - ausrichten. Aufgrund dessen werden sie von Selbstsucht, üblen Absichten, Lust, Unaufrichtigkeit, Übel, Streit, Anarchie, und Uneinigkeit mit den rechtschaffenen Gelehrten geleitet. Dies führt unweigerlich dazu, dass die Religion den menschlichen Gelüsten untergeordnet wird. Die prophetischen Aussprüche bezüglich der fitan [Heimsuchungen] haben uns bereits vor diesen verderbten Eigenschaften der Menschheit gewarnt und die Religionsgelehrten waren sich dieses Problems bewusst.

Ist Taqlīd šaḫsī nicht vorhanden, so führt dies zu großem Schaden und zur Verderbnis der Religion. Eine der zerstörenden Übel, welches in Abwesenheit von Taqlīd šaḫsī sein hässliches Gesicht zeigt, ist das Auftreten von selbsternannten Muǧtahidūn. Einige Menschen werden sich als selbst dazu in der Lage sehen, religiöse Schlussfolgerungen zu treffen, und versuchen, rechtliche [šarʿi] und analoge [qiyas] Schlüsse zu ziehen. Sie werden sich selbst als ebenbürtig oder gar wissender erachten, als die strahlenden Muǧtahidūn der Frühzeit des Islams.

Um ein Beispiel anzuführen: Die frühen Muǧtahidūn  vertraten verlässlich die Meinung, dass viele Gesetzmäßigkeiten auf besonderen Gründen beruhen [muʿallal] und nicht auf definitiv festgelegten.

Manche Modernisten rezipieren dies und behaupten, dass sogar der Befehl der Waschung für das Gebet [wuḍuʿ] auf solch einem besonderen Grund beruhe [muʿallal]. Ihrer Meinung nach hätten mit diesem Gebot auch nur die frühen Araber angesprochen sein können, da sie mit der Viehzucht beschäftigt waren, und so beständig Unreinheiten ausgesetzt waren, welche ihrerseits die Verpflichtung der rituellen Reinigung in Form des wuḍuʿ nach sich gezogen hätten. Sie argumentieren nun auf dieser Grundlage, dass die Waschung [wuḍuʿ] für das Gebet nicht länger notwendig sei, da die Menschen heutzutage in besseren hygienischen Verhältnissen leben würden.[6]

 

2.Taqlīd: Einem Imām in Angelegenheiten der Scharia Folge leiste

 

Frage:

Einige Menschen behaupten, dass Taqlīd [das Befolgen einer Rechtsschule] im heiligen Gesetz [Šarīʿa] verboten sei. Sie bestehen darauf, dass ein wahrer Muslim lediglich dem Koran und der Sunna zu folgen habe, ja es dem Širk [Beigesellung] gleichkäme, einem Imām in Angelegenheiten der Scharia zu folgen. Sie behaupten auch, dass die hanafitische, schafiitische, malikitische und hanbalitische Rechtsschule sich erst zweihundert Jahre nach dem Verscheiden des Gottesgesandten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – ausgebildet hätten und deshalb eine tadelnswerte Neuerung [bidʿa] in der Religion darstellen. Einige von ihnen betonen auch, dass ein Muslim allein im Koran und der Sunna nach Leitung suchen solle, und man keinen vermittelnden Imām brauche, um gemäß der Scharia zu handeln. Bitte erklären Sie, inwiefern diese Ansicht richtig ist.

 

Antwort von Muftī Taqī ʿUṯmānī

 

Diese Ansicht basiert auf einem spezifischen Missverständnis, welches der unnötigen Behandlung dieser komplexen Angelegenheit erwächst. Eine gänzliche Klärung dieser falschen Ansicht benötigt einen detaillierten Artikel. Ich will jedoch versuchen, die Kernpunkte so knapp wie möglich erörtern.

Es ist wahr, dass Gehorsam und Folgsamkeit im wahrhaftigen Sinne lediglich Allāh allein gebührt. Wir gehorchen niemand anderem außer ihm und dies ist eine logische Bedingung der Lehre des Tawḥīd[7]. Gehorsam gegenüber dem Gesandten Allāhs - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – wurde uns nur anbefohlen, weil er der Gottesgesandte ist, welcher uns die göttliche Botschaft überbringt; abgesehen davon ist in ihm nichts Göttliches, was unseren Gehorsam verdienen würde. Indem wir den Lehren des Gottesgesandten - Allāhs Segen und Frieden auf ihm – gehorchen und demgemäß handeln, erlangen wir das Wohlgefallen Allāhs.

Der springende Punkt in dieser Angelegenheit ist aber, dass die Interpretation des Korans und der Sunna nicht einfach ist. Sie bedingt ein intensives und ausführliches Studium der heiligen Quellen der Scharia, einem Unqualifizierten ist dies jedoch nicht möglich. Wäre jeder Muslim verpflichtet, den Koran und die Sunna bei einem jedem sich ihm stellenden Problem heranzuziehen, so wäre ihm eine Verpflichtung aufgebürdet, der er beinahe unmöglich gerecht werden könnte. Dies verhält sich so, weil es der arabischen Sprache und aller anderen relevanten Wissenschaften bedarf, um rechtsgültige [und legitime] Regelungen der Scharia aus dem Koran und der Sunna abzuleiten – bekanntlich besitzt dieses Wissen nicht jeder. Die einzige Lösung für dieses Problem ist, dass sich einige wenige Menschen mit diesem notwendigen Wissen der Scharia ausstatten und die anderen sie bezüglich ihrer alltäglichen Angelegenheiten fragen. Dies ist genau das, was Allāh den Muslimen mit folgenden Worten befohlen hat:

„Es steht den Gläubigen nicht zu, allesamt auszurücken. Wenn doch von jeder Gruppe von ihnen ein Teil ausrücken würde, um (mehr) von der Religion zu erlernen und um ihre Leute zu warnen, wenn sie zu ihnen zurückkehren, auf dass sie sich vorsehen mögen.“[8]

Dieser Vers des heiligen Korans weist klar und deutlich darauf hin, dass sich eine Gruppe der Muslime dem Wissenserwerb der Scharia hingeben soll und die andere jene bezüglich ihrer Gesetzmäßigkeiten fragen soll. Wenn nun ein Mensch einen vertrauenswürdigen Gelehrten [ʿālim] über die Gesetzmäßigkeit einer bestimmten Angelegenheit [šarʿī] fragt, und gemäß seiner Anweisung handelt, kann ihn dann irgendeine verständige Person, allein auf Grund der Tatsache, dass er dem Ratschlag eines Menschen Folge leistete und nicht direkt dem Koran und der Sunna selbst, beschuldigen, Širk begangen zu haben? Sicherlich nicht.

Der Grund hierfür ist offensichtlich, denn er hat den Gehorsam gegenüber Allāh und seinen Propheten nicht unterlassen! Vielmehr hat er nach einem Mittel gesucht, ihnen beiden gehorsam zu sein. Da er selbst jedoch unwissend ist, was die Gebote des heiligen Gesetzes angeht, zog er einen Gelehrten zu Rate, um zu erfahren, was Gott von ihm erwartet. Dieser Gelehrte war nicht Gegenstand, Ziel oder Zweck seines Gehorsams, lediglich Übermittler und Erklärer der göttlichen Gebote und niemand kann dies als Širk bezeichnen!

Im Prinzip ist genau das Taqlīd: Ein Mensch, welcher nicht in der Lage den Koran und die Sunna zu verstehen, konsultiert infolgedessen einen (Rechts-)Gelehrten, oft auch Imām genannt, und handelt gemäß seiner Interpretation der Scharia. Dieser Mensch erachtet den Imām niemals als anbetungswürdig, sondern sucht bei ihm lediglich nach Leitung, um die Anforderungen der Scharia an ihn zu erfahren. Dies tut er nur, da er keinen direkten Zugang zum Koran und der Sunna besitzt, und/oder nicht ausreichend Wissen, um die Gebote der Scharia aus den Quelltexten abzuleiten. Dieses Verhalten nennt sich Taqlīd an einen Gelehrten oder Imām. Wie kann man also behaupten, dass Taqlīd dem Širk gleichkäme?

Die qualifizierten muslimischen Gelehrten und Imāme haben ihr Leben dem Iǧtihād gewidmet und die Gebote der Scharia aus den Quelltexten gemäß ihrer jeweiligen Interpretationsmethoden in einer beinahe kodifizierten Form gesammelt. Diese Sammlung der Gebote und Verbote der Scharia gemäß der Interpretation gemäß einem bestimmten Gelehrten nennt man Maḏhab oder „Rechtsschule“ [bzw. „Auslegungsschule“] dieses jeweiligen Rechtsgelehrten.

Hiermit ist die Rechtsschule eines Imāms nicht etwas, was dem heiligen Gesetz konträr läuft oder ihm fremd wäre. Tatsächlich ist sie eine präzise Interpretation der Scharia und eine Sammlung der Hauptgebote des Islams, welche aus dem Koran und der Sunna von vertrauenswürdigen Gelehrten abgeleitet wurden. Hiernach ordneten die Rechtsgelehrten all dies nach Themen, um es den Befolgern ihrer Rechtsschule leichter zu machen. Aus diesem Grund folgt jemand, der einer Rechtsschule folgt, tatsächlich dem Koran und der Sunna, lediglich gemäß der Interpretation eines bestimmten, vertrauenswürdigen Rechtsgelehrten, welchen er oder sie als den vertrauenswürdigsten und bewandertsten in Angelegenheiten des heiligen Gesetzes erachtet.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Rechtsschulen entstanden, da viele Gebote aus dem Koran und der Sunna unterschiedlich aufgefasst und interpretiert werden können. Um diese Angelegenheit richtig zu verstehen, muss man wissen, dass die Gebote des Korans und der Sunna von zweierlei Art sind.

Die erste Art von Geboten finden wir in den heiligen Quellen in derart klarem Wortlaut vor, dass der Ausdruck selbst nur eine einzige Art des Verständnisses legitimiert. Es ist absolut keine andere Interpretation möglich. Als Beispiel seien die Pflicht des Gebets, der Zakāt, des Fastens oder Pilgerfahrt genannt, bzw. das Verbot von Schweinefleisch und Unzucht. Was diese eindeutigen Gebote und Verbote betrifft, gab es nie Meinungsverschiedenheiten unter den Schulen. Alle Rechtsgelehrten sind sich diesbezüglich absolut einig; aufgrund dessen gibt es in ihnen auch keinen Raum für Iǧtihād oder Taqlīd im klassischen Sinne. Da jedermann diese eindeutigen Gebote aus dem Koran und der Sunna verstehen und ableiten kann, gibt es in diesem Fall keine Notwendigkeit, einen Imām oder Rechtsgelehrten zu konsultieren.

Andererseits gibt es auch andere Instruktionen der Scharia, welche ebenso aus dem Koran und der Sunna abgeleitet, bei welchen folgende Situationen auftreten können:

  1. Der Wortlaut der Offenbarungsschriften lässt mehr als eine Interpretation zu. Als Beispiel sei die Wartezeit [ʿidda] einer geschiedenen Frau angeführt. Im Koran finden wir diesbezüglich folgende Aussage:

„Geschiedene Frauen sollen (mit sich/bzgl. einer neuen Ehe) selbst drei Zeitabschnitte [qurūʾ] abwarten.“[9]

Das Wort „qurūʾ“ trägt in oben angeführtem Vers zwei Bedeutungen. Es bezeichnet sowohl die „Periode der Menstruation“ als auch die „Periode der Reinheit“ [ṭuhr]. Beide Bedeutungen sind legitim und können auf diesen Vers angewendet werden, und eine jede Bedeutung zieht andere rechtliche Konsequenzen nach sich.

Die Frage, welche in diesem Fall das Bemühen eines Rechtsgelehrten verlangt ist: „Welche der beiden Bedeutungen [hat Gott] intendiert?“ Bei der Beantwortung dieser Frage ist es natürlich möglich, dass sich die Interpretationen der Rechtsgelehrten unterscheiden, und so ist es auch. Imām aš-Šāfiʿī interpretiert das Wort qurūʾ als „Reinheitsperioden“ [ṭuhr], wohingegen Imām Abū Ḥanīfa es als „Menstruationsperiode“ versteht. Beide Imāme haben eine Vielzahl von Beweisen und Gründen, um ihre jeweilige Ansicht zu stützen, und keine Ansicht kann gänzlich zurückgewiesen werden. Dieses Beispiel verdeutlicht auch den Grund für eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Rechtsschulen.

  1. Manchmal findet sich zwischen zwei Aussprüchen des Gottesgesandten ṣallallāhu ʿalayhi wa-sallam ein Widerspruch, welchen der Rechtsgelehrte nur durch das Bevorzugen einer bestimmten Überlieferung über die andere lösen kann. Auch in diesem Falle ist es möglich, dass sich die Ansichten der Rechtsgelehrten voneinander unterscheiden. Als Beispiel sei genannt, dass sich in den Büchern der prophetischen Überlieferungen zwei Arten bezüglich des Verrichtens der Verbeugung [rukuʿ] des Gottesgesandten im Gebet finden lassen. Die erste Art von Überlieferungen besagt, dass er seine gesegneten Hände vor und nach dem Vorbeugen [rukuʿ] gehoben habe [rafʿ al-yadayn/takbīr]. Andere Aḥadīṯ besagen, dass der Gottesgesandte ṣallallāhu ʿalayhi wa-sallam seine Hände nur zu Beginn des Gebets hob. Obgleich die Rechtsgelehrten beide Arten des Gebets akzeptieren, vertreten sie unterschiedliche Ansichten bezüglich der Rechtsfrage: „Welche Art ist vorzüglicher?“ Situationen wie diese sind also auch Grund für Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schulen.
  2. Es gibt viele Angelegenheiten, welche im Koran und der Sunna nicht explizit angesprochen oder erörtert werden. Die rechtliche Bewertung dieser Angelegenheiten wird entweder durch Analogieschluss oder anhand von in den heiligen Texten vorhandenen Beispielen vorgenommen, welche zum betreffenden Thema indirekten Bezug aufweisen. Auch hier werden den Rechtsgelehrten unterschiedliche Herangehensweisen abverlangt, um für Rechtsfälle eine Lösung aus dem Koran und der Sunna abzuleiten, welche ihrerseits wieder oft in Meinungsverschiedenheit enden.

Dies sind die Hauptgründe der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Rechtsschulen. Diese Differenzen sind jedoch keinesfalls ein Mangel des heiligen Gesetzes, sondern vielmehr eine Quelle der Flexibilität. Sie bilden ein breites Feld akademischer Forschung gemäß den Prinzipien der Scharia, welche vom Koran und der Sunna auf alle Zeit festgelegt wurden.

Von einem muslimischen Rechtsgelehrten, welcher die notwendigen Qualifikationen für den Iǧtihād aufweist, wird erwartet, dass er sein Bestes gibt, die eigentliche Bedeutung des Korans und der Sunna aus den Quelltexten zu extrahieren. Wenn er dies nach bestem Vermögen aufrichtig tut, so wird er für seine Pflichterfüllung [von Gott] entlohnt, und niemand darf ihn des Verlassens der Scharia beschuldigen, obgleich seine Ansicht im Vergleich zu anderen schwächer erscheinen mag. Dies sind natürliche und logische Umstände, welche wir in jedem Rechtssystem vorfinden.

In rechtlichem Rahmen beinhalten althergebrachte und etablierte Gesetze nicht jedes kleine Detail, bzw. jeden möglichen Rechtsfall. Die praktischen Normenlehren [fiqh] selbst lassen oft mehr als eine Interpretation zu, und so sind sich auch verschiedene Gerichtsstandorte und Rechtsinstanzen in ihrer Anwendung oft uneins. Ein Gericht [eines Landes] mag die Gesetze [desselben Landes] anders auslegen und anwenden als ein anderes, oder sie einfach in einem anderen Kontext verstehen. Aufgrund dessen kann niemand behaupten, dass die Rechtsgelehrten des Islams die Gesetze der Religion missachtet hätten, nur weil sie zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kamen. Da ein jedes Gericht beabsichtigt, das etablierte Gesetz bestmöglich anzuwenden, ist der Gesetzgeber [in unserem Falle Gott] in diesem Falle entbunden, und seine ausführenden Richter werden entsprechend entlohnt.

Wir wollen dies anhand eines Beispiels verdeutlichen: Angenommen eines der bereits erwähnten Gerichte ist ein hohes Gericht[/Gerichtshof], welchem die kleineren Gerichtsstandorte ebenso unterstehen wie alle Bürger, die im Einflussbereich wohnhaft sind. Würde dieses hohe Gericht ein Urteil fällen, so müssten sich alle kleineren Gerichtsstandorte und Menschen diesem Urteil fügen, ganz gleich ob sie mit diesem Urteil einverstanden sind oder nicht. Wenn ein kleinerer Gerichtsstandort der Urteilsfällung eines höheren Gerichts zustimmt oder ihm folgt, so kann niemand behaupten, dass dieser kleinere Gerichtsstandort das höhere Gericht als Gesetzgeber akzeptiert hätte, da der kleinere Gerichtsstandort das höhere Gericht lediglich als vertrauenswürdigen Interpret des Gesetzes wertet und nicht als Gesetzgeber selbst.

Auf gleiche Art bietet die Rechtsschule eines Rechtsgelehrten nichts weiter als eine vertrauenswürdige Interpretation des heiligen Gesetzes, der Scharia. Ein anderer, ebenso qualifizierter Rechtsgelehrter mag der Interpretation des anderen Rechtsgelehrten nicht zustimmen, kann ihn jedoch auch nicht einer Missachtung des heiligen Gesetzes bezichtigen. Noch viel weniger kann man einem Laien, welcher einer bestimmten Rechtsschule folgt, das Befolgen von etwas anderem als der Scharia oder die Vielgötterei vorwerfen. Ein jeder Muslim folgt seiner Rechtsschule, da er sie als vertrauenswürdige Interpretation der Scharia erachtet.

Eine der nächsten Fragen, welche in diesem Kontext aufkommen mag, ist: „Wie soll man sich bezüglich der Differenzen der Rechtsschulen verhalten und welcher von ihnen sollte man folgen?“ Diese Frage zu beantworten, ist sehr einfach. All diese Schulen waren aufrichtig in ihrem Bestreben, die wahre Bedeutung des heiligen Gesetzes abzuleiten; deshalb werden sie alle als ebenbürtig erachtet. Ein jeder sollte der Schule desjenigen Imāms folgen, von dem er überzeugt ist, dass er der Gottesfürchtigste und Wissendste war.

Obgleich es viele islamische Rechtsgelehrte gab, welche sich im Iǧtihād übten, wurden die Schulen der vier Imāme[10] als die umfassendsten, versiertesten erachtet und bis zum heutigen Tag bewahrt [und weiterentwickelt]. Die gesamte muslimische Umma hat sich auf diese vier Imāme als die vertrauenswürdigsten Interpreten des heiligen Gesetzes geeinigt.

Diese vier Rechtsschulen sind uns als hanafitische, schafiitische, malikitische und hanbalitische Rechtsschule bekannt. Die anderen Rechtsschulen [maḏhāhib] waren entweder nicht umfassend genug in Aspekten des Rechts oder wurden einfach nicht auf vertrauenswürdige Art überliefert[, hatten zu wenige Schüler und/oder starben aus]. Aus diesem Grund gehört die Mehrheit aller Muslime einer dieser Rechtsschulen an. Wer eine Rechtsschule als die seinige auswählt und ihr gemäß handelt, der hat seine Pflicht erfüllt, der Scharia zu folgen.

Dies ist die wahre Bedeutung des Taqlīd in Bezug auf die Rechtsschulen. Ich hoffe, dass diese Erklärung ausreicht, um aufzuzeigen, dass Taqlīd nichts mit Širk, bzw. „Allāh etwas beigesellen“ zu tun hat, sondern schlicht der einfachste Weg ist, der Scharia, dem heiligen Gesetz, zu folgen.

[…]

 

 

[1] Auszug aus: Ibn Yusuf, Abdur-Rahman, fiqh al-Imām – key proofs in hanafi fiqh, White Thread Press, 2007.

[2] Dieser dritte Punkt ist im Werk des Autors vorzufinden, wurde jedoch nicht mit ins Deutsche übersetzt.

[3] Anmerkungen in eckigen Klammern […] stammen stets vom Übersetzer, Anmerkungen in runden Klammern (…) vom Autor.

[4]Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, Muslim.

[5] Ṣaḥīḥ al-al-Buḫārī 2:297.

[6] Dem Eröffnungskapitel des Buches „Taqlīd und Iǧtihād“ von Šayḫ Masīḥullāh Ǧalālabādī entnommen.

[7] Eingottglaube.

[8] Koran: 9:122

[9] Koran: 2:228

[10] Namentlich: Imām Abu Ḥanīfa, Imam Mālik b. Anas, Imām Muḥammad b. Idrīs aš-Šāfiʿī, Imām Aḥmad b. Ḥanbal.