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Die Rechtswissenschaft steht über dem Hadith

Von: Scheich Gibril F. Haddad | Übersetzer: Muhammed F. Bayrakter, Matthias B. Schmidt
Donnerstag, 18 Februar, 2016 | In: Hadithwissenschaft (ʿUlūm al-Hadīṯ)

Die Ḥadīthwissenschaft ist dem Fiqh – der Rechtswissenschaft – untergeordnet[1]

/ Die praktische Normenlehre [Fiqh]

steht über dem adī

Zusammengestellt von Scheich Gibril F. Haddad

 Übersetzt von Muhammed F. Bayraktar und Matthias B. Schmidt

Vorwort der Übersetzer

Dieser Artikel ist von äußerster Wichtigkeit, um einige Angelegenheiten richtig zu verstehen. Es ist notwendig zu wissen, dass jeder Ḥadīṯ seinen eigenen Fiqh hat, d.h. jeder Ḥadīṯ muss auf korrekte Art und Weise verstanden werden, indem man einer bestimmten Methode folgt. In unserer Zeit gibt es Menschen, welche versuchen mit Ḥadīṯen zu argumentieren, obgleich sie selbst nicht genau wissen, wie sie diese zu verstehen haben. Jene Ḥadīṯe werden vorgelegt, wobei man sich auf sein eigenes, subjektives, meist beschränktes Verständnis stützt. Die klassischen Gelehrten aber teilten sich in Ḥadīṯgelehrte und Fiqhgelehrte auf. Der Gedanke, dass etwa Ṣaḥīḥ al-Buḫārī eine Fatwā Sammlung darstelle, wie es heute oft suggeriert wird, existierte nicht! Die Sammlungen der Ḥadīṯe wurden für Rechtsgelehrte niedergeschrieben und kodifiziert, damit diese keine weiten Reisen auf sich nehmen müssen, sondern direkt in den Büchern die von ihnen benötigte Arznei suchen und finden können. Der heutige Sachverhalt, nämlich dass bestimmte Gruppierungen und Unwissende das Ṣaḥīḥ von al-Buḫārī aufschlagen und denken, strikt nach dem bloßen Wortlaut handeln zu können, war nie im Sinne der Autoren eben dieser Werke. Folgender Artikel wird klar darlegen, dass die Ḥadīṯgelehrten sich an den Fiqhgelehrten orientierten und nicht schlicht gemäß den Ḥadīṯen handelten. Auch von den as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ werden warnende Worte dargebracht, welche aufzeigen, wie wichtig es ist, sich an einer der vier Rechtsschulen zu orientieren, sowie an den Gelehrten, welche im Besitz einer traditionellen, klassischen Lehrerlaubnis sind, und nicht an Menschen, deren wahre Namen und Identität nicht bekannt sind und die nie vor einem Lehrer saßen und das Wissen tief zu begreifen suchten.

Allāh, der Erhabene, spricht im Qurʿān: „Er gibt die Weisheit, wem Er will, und wem da Weisheit zuteilwurde, dem wurde hohes Gut gegeben;“ [2:269]

Der Gottesgesandte, Allāhs Segen und Frieden auf ihm, sprach: „Für wen Allah Gutes erwünscht, dem gewährt er vorzügliches Verständnis der Religion [yufaqqihhu/yufqihhu fī d-dīn]. Ich verteile nur und Allāh ist es, der gewährt. Diese Gemeinschaft wird die Angelegenheit Allāhs in ihren Händen halten, bis der Befehl Allāhs eintrifft.“[2]

Imām aš-Šāfiʿī sagte: „Ihr [Ḥadīṯgelehrte] seid Apotheker, aber wir [Fiqhgelehrte] sind Ärzte.“

Mullah ʿĀlī al-Qārī kommentiert hierzu:

„Die früheren Gelehrten sagten: ‚Der adīgelehrte, ohne Wissen um das Fiqh, gleicht einem Verkäufer von Arzneimitteln, der selbst kein Arzt ist. Er hat die Medizin, aber er weiß nicht, was er damit anfangen soll; Ein Fiqhgelehrter [Faqīh] ohne Wissen über adī gleicht einem Arzt ohne Medizin; er weiß um das Heilmittel, aber hat es nicht zur Hand...‘“[3] Es wird von Imām Aḥmad durch seine Schüler Abū Ṭālib und Ḥumayd ibn Zanǧūya überliefert: „Nie sah ich jemanden, der sich fester an die adīe klammerte als aš-Šāfiʿī. Niemand vor ihm hat die adīe in Büchern gesammelt.“ Dies bedeutet, dass Imām aš-Šāfiʿī jenes Wissen der Ḥadīṯe besaß, nach welchem Imām Aḥmad sich sehnte, was auch aus folgender Aussage hervorgeht: „Wie selten ist [das Wissen des] Fiqh unter jenen, welche die adīe kennen.“  

Jene Aussage nimmt Bezug auf folgenden Ḥadīṯ: „Es mag sein, dass jemand Verständnis in sich trägt [Fiqh] [dies bedeutet: die Beweise und Fälle des Fiqh gelernt hat] aber kein Faqīh [Fiqhgelehrter, bzw. Mensch mit Einsicht und Verständnis] ist.[4] Die Salaf und Ḫalaf erläuterten diese Aussage in vielen berühmten Aussagen, in welchen sie aufzeigten, dass der Faqīh [der Fiqhgelehrte] dem Muḥaddiṯ [Ḥadīṯgelehrten] immer überlegen ist, ganz gleich auf welchem Rang der Muḥaddiṯ sich auch befinden mag.

 

adī  führt jene in die Irre, die kein Fiqh besitzen!

 

Muḥammad b. Yaḥyāʾ al-Qattān [gest. 223] überliefert, dass Imām Aḥmad, während er auf die Gefahren des Missbrauchs der Ḥadīṯe hinwies, sagte:

 „Wenn jemand jeder Erleichterung folgt, die er in den Ḥadīṯen findet, dann wird er zum Sünder [Fāsiq]!“

 

Ibn Abī Zayd al-Mālikī überliefert von Sufyān ibn ʿUyayna, dass jener sagte:

„Ḥadīṯ ist eine Fallgrube [madilla], außer für die Fuqahā [Fiqhgelehrten].“

Und auch der Gefährte Imām Māliks, ʿAbd Allāh ibn Wahb, der große Muḥaddiṯ, sagte: adī stellt für jedermann eine Falle dar, außer für die Gelehrten! Jeder, der die Ḥadīṯe auswendig lernt, aber im Fiqh keinen Imām hat [, dem er folgt], ist irregeleitet; und hätte Allāh uns nicht durch Mālik und al-Layṯ ibn Saʿd erretet, so wären wir in die Irre gegangen!“[5]

 

 

Ibn Abī Zayd kommentierte diese Aussage, indem er sagte:

„Er [Sufyān] meint, dass jemand, der kein Faqīh ist, die äußerliche Bedeutung des Ḥadīṯes [als normativ wahr-]nimmt, obgleich der Ḥadīṯ eigentlich im Lichte eines anderen Ḥadīṯes interpretiert wird; oder der Ḥadīṯ einen Beweis [bzw. Hinweis] beinhaltet, der ihm selbst verschleiert ist; es mag aber auch sein, dass jener Ḥadīṯ [eigentlich] in Anbetracht anderer Beweise zurückgewiesen wird. Niemand kann die Verantwortung tragen, all dies zu wissen [und zu berücksichtigen], außer jenen, die sich in ihre Studien vertieft haben und sich Verständnis [Fiqh] angeeignet haben.“

Imam al-Hayṯamī sagte Ähnliches[6], und von Ibn Wahb wird überliefert, dass er sagte:

„Ich traf 360 Gelehrte, aber ohne Mālik und Al-Layṯ ibn Saʿd wäre ich irregeleitet gewesen.“[7]

In einer anderen Version heißt es:

„Wäre es nicht um Mālik und Al-Layṯ, so wäre ich vernichtet gewesen! Ich dachte, dass alles, was vom Propheten authentisch überliefert ist, auch in die Praxis umgesetzt werden müsse!“[8]

Und in einer weiteren Überlieferung von ihm heißt es:

„Ich sammelte eine große Menge Ḥadīṯe, doch sie verwirrten mich! Also fragte ich Mālik und al-Layṯ und sie sagten mir: ‚Nimm dies, verwerfe das!‘“[9], und gemäß Aḥmad ibn Ṣāliḥ hatte Ibn Wahb 120.000 Überlieferungen gesammelt.[10]

Daher antwortete Ibn ʿUqda einem Mann, der ihn über eine bestimmte Überlieferung fragte:

„Halte derartige Angelegenheiten gering, denn sie [d.h. die Ḥadīṯe] sind gewiss für jene ungeeignet, die sie nicht kennen.“

Yaḥyā ibn Sulaymān überliefert von Ibn Wahb, dass Imām Mālik sagte:

„Viele der Ḥadīṯe sind Grund für Irreführung [unter den Menschen]. Einige Ḥadīṯe wurden von mir überliefert und ich wünschte, man hätte mich hierfür zwei Mal mit einem Stock geschlagen! Von nun an werde ich sie nimmermehr überliefern!“[11]

Imām Mālik meint mit seiner Aussage „Viele der Ḥadīṯe sind Grund für Irreführung“, dass sie an falscher Stelle und mit falscher Bedeutung als Beweis angeführt werden; denn die Sunna ist Weisheit, und die Weisheit besteht darin, eine jede Angelegenheit in ihrem rechten Zusammenhang zu verstehen![12]

Es wird berichtet, dass ʿAbd Allāh ibn Mubārak sagte: „Hätte mich Allāh nicht durch Abū Ḥanīfa und Sufyān aṯ-Ṯawrī errettet, so wäre ich wie der Rest der gewöhnlichen Menschen gewesen!“ Und aḏ-Ḏahhabī überliefert jene Aussage mit dem Wortlaut: „so wäre ich ein Neuerungsträger [mubtadiʿ] gewesen!“[13]

Die Imāme der Ḥadīṯe weisen auf die Imame des Fiqh

Yaḥyāʾ ibn Saʿīd al-Qattān, der Leher Imām Aḥmads, wagte es trotz seines hohen Ranges nicht, Normen und Gesetzmäßigkeiten aus den Beweisen [der Ḥadīṯe] abzuleiten. Obgleich er als Meister aller Ḥadīṯgelehrten und Experte in der Beurteilung der Ḥadīṯe gilt, folgte er dem Fiqh von Imām Abū Ḥanīfa und erklärt selbst:

„Wir betrügen Allāh nicht! Nie hörten wir etwas Vorzüglicheres, als die normative Meinung [fiqh] Abū Ḥanīfas, und wir folgen den meisten seiner Ansichten.“ [14]

Und auch Muḥammad ibn ʿAbd Allāh ibn ʿAbd al-Ḥakam sagte:

„Wäre aš-Šāfiʿī nicht gewesen, so hätte ich nicht gewusst, [wie und] was ich den Menschen antworten soll; denn aufgrund seiner weiß ich, was ich weiß!“[15]

Muḥammad ibn Yaḥyā aḏ-Ḏuhlī [gest. 258 AH] aus Khorasan, welcher von Abū Zurʿa [in der Ḥadīṯwissenschaft] höher eingestuft wird als Imām Muslim und als ʾAmīr al-Muʾminīn fī-l-Ḥadīṯ erachtet wird, behauptete niemals, kein Muqallid[16] zu sein, er sagte vielmehr:

„Ich machte Imām Aḥmad ibn Ḥanbal zu einem Imām in allem, was zwischen mir und meinem Herrn steht!“[17]

Und Misʾar ibn Kidām sagte das Gleiche in Bezug auf Imām Abū Ḥanīfa.[18]

 

Wissen ist nicht schlichtes Auswendiglernen, sondern ein Licht!

Fiqh ist das, was wir aus dem Kontext von Imam Māliks Aussage verstehen:

„Weisheit und Wissen sind ein Licht, durch die Allah, wen immer Er will, rechtleitet. Es bedeutet nicht [einfach nur] viele Dinge zu wissen.“[19] Und ebenso aus Imām aš-Šāfiʿīs Ausspruch:

„Wissen ist das, was Nutzen bringt! Wissen ist nicht das Auswendiggelernte.“[20]

Auch Imām aḏ-Ḏahhabī definiert das Wissen im Islam als:

„Nicht der Überfluss an [Wissen um] Überlieferungen, sondern vielmehr ein Licht, welches Allāh [dem Diener] ins Herz gelegt hat. Die Bedingungen [an jenes Licht] sind der Gehorsam [ittibaʿ], das Abstreifen der niederen Gelüste [hawāʾ] und der Neuerung [bidʿa].“[21]

Al-Ḥasan al-Baṣrī überliefert ferner, dass der Gottesgesandte ṣallallāhu ʿalayhi wa sallam sagte: „Der Ansporn der Gelehrten ist die Sorge und Hilfe, wohingegen der Ansporn der Narren das Überliefern ist!“ [himmatu l-ʿulamāʾ ar-riʾāya, wa himmatu s-sufahāʾ ar-riwāya] [22]

Der Ḥadīṯ des Faqīh ist dem Ḥadīṯ des Laien vorzuziehen

Wakīʿ ibn al-Ǧarrāḥ [der Lehrer Imām aš-Šāfiʿīs] bevorzugte lange Überlieferungsketten von Fiqhgelehrten gegenüber kürzeren Ketten von Nicht-Fiqhgelehrten und sagte diesbezüglich:

„Der gebräuchliche Ḥadīṯ zwischen den Fiqhgelehrten ist besser als der Ḥadīth, der unter den Ḥadīṯgelehrten kursiert.“[23]

Dies ist ein fundamentaler Grundsatz in der Auslegungsschule [maḏhab] Imām Abū Ḥanīfas. Ebenso wie Yaḥyāʾ al-Qaṭṭān betrieb auch Wakiʿ keine eigene Rechtsfindung [Iǧtihād], sondern folgte den Ansichten Abū Ḥanīfas.[24]

Al-ʿAmaš [Abū Muḥammad Sulaymān ibn Mahrān al-Asadī, der Tabiʿī [61/148 AH], sagte ebenfalls:

 „Der Ḥadīṯ, der von den Fiqhgelehrten untereinander weitergegeben wird, ist besser als der Ḥadīṯ, den die Ḥadīṯüberlieferer untereinander weitergeben.“ [25]

Ibn Raǧab erwähnt zudem, dass sich Abū Dāwūd as-Siǧistānī [bei der Auswahl der Ḥadīṯe] in seinen Sunan mehr auf den Fiqh eines Ḥadīṯes, denn auf seine tatsächliche Kette und Überlieferung bezog. [26]

Ḥadīṯe zu kennen und ihnen gemäß zu handeln sind zwei unterschiedliche Angelegenheiten

Sufyān aṯ-Ṯawrī - möge Allāh ihm barmherzig sein – pflegte zu den Ḥadīṯgelehrten zu sagen:

 „Tretet vor, ihr Schwachen!“[27]

Und er sagte ebenfalls:

„Wäre Ḥadīṯ etwas Gutes gewesen, so wäre es verloren gegangen, so wie alle guten Dinge verloren gehen!“, und:

 „Dem Studium des Ḥadīth nachzugehen, ist nicht ein Teil der Vorbereitung auf den Tod, sondern vielmehr eine Krankheit, welche den Menschen beschäftigt hält!“

Aḏ-Ḏahhabī kommentiert dies, indem er schreibt: „Er sagte dies wortwörtlich! Und er spricht wahr in dem, was er sagt, denn dem Studium des Ḥadīṯ nachzugehen, ist etwas ganz anderes als der Ḥadīṯ selbst!“[28]

Den Ḥadīṯ zu verstehen ist etwas anderes, als den Ḥadīṯ zu kennen

Sufyān sagte auch:

„Die Erläuterung des Ḥadīṯes ist besser als der Ḥadīṯ selbst.“[29]

Und in einem anderen Wortlaut:

„Die Erklärung eines Ḥadīṯes ist besser, als ihn zu hören.“[30]

Abū ʿAlī an-Naysabūrī sagte:

 „Wir erachten das Verständnis als höher als das Auswendiglernen.“[31]

Isḥāq ibn Rāhūya sagte:

„Ich saß gemeinsam mit Aḥmad ibn Ḥanbal, Yaḥyāʾ ibn Maʿīn und unseren Gefährten im Irak. Beständig wurden durch ein, zwei, drei Überlieferungsketten Überlieferungen wiederholt... Doch als ich fragte: ‚Was beabsichtigt ihr damit? Was ist die Erklärung dessen? Was ist sein Fiqh?‘, da schwiegen sie alle, bis auf Imām Aḥmad ibn Ḥanbal.“[32]

Ibn Mahdī bereute, dass er nicht zu jedem Ḥadīṯ, den er aufschrieb, gleich seine Erklärung mitgeschrieben hatte.

Die Genauigkeit und der Fiqh von Abū Ṯawr waren unter den Ḥadīṯgelehrten berühmt. Dereinst stand auch eine Frau bei der Versammlung von Ḥadīṯgelehrten, in welcher sich auch Yaḥyāʾ ibn Maʿīn, Abū Ḫayṯama, Ḫalaf ibn Salīm und andere befanden.

Sie hörte sie sagen: „Der Prophet ṣallallāhu ʿalayhi wa sallam sagte“, „Soundso überlieferte“ oder „Kein anderer als Soundso überlieferte“.

Dann fragt sie: „Ist es einer Frau erlaubt, während ihrer Menstruation einen Toten zu wachen?“ – denn dies war der Grund ihrer Anwesenheit und das, was sie beschäftigte. Niemand der Ḥadīṯgelehrten vermochte ihr zu antworten und sie sahen einander an. Dann kam Abū Ṯawr und die Frau wurde an ihn weitergeleitet. Sie stellte ihm dieselbe Frage und er antwortete ihr:

„Ja, sie kann den Toten waschen, wie der Ḥadīṯ von Abū al-Qāsim über ʿĀʾiša besagt: ‚Die Menstruation liegt nicht in deiner Hand!‘ [33]

Und ebenso die Überlieferung, in welcher sie während ihrer Menstruation die Haare des Propheten ṣallallāhu ʿalayhi wa-sallam kämmte[34].  Denn wenn das Haupt eines Lebenden während der Menstruation gewaschen werden kann, dann kann auch der Tote gewaschen werden.“

 Als sie dies hörten riefen die Ḥadīṯgelehrten:

„Richtig! Soundso überlieferte und Soundso sagte es uns, und es erreichte uns durch diese und jene Überlieferungskette!“ – allesamt stürzten sie sich zurück in die Überlieferungen und auf die Ketten der Überlieferungen, woraufhin die Frau fragte:

„Wo wart ihr denn alle bis jetzt?“[35]

Viele Ḥadīṯgelehrte besitzen kein Verständnis [Fiqh] der Ḥadīṯe

Imām ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʾānī, ein Zeitgenosse von Sufyān aṯ-Ṯawrī, zählte zu den tragenden Säulen der Ḥadīṯwissenschaft seiner Zeit, wie auch Aḥmad, Ibn Rāhūya, Ibn Maʿīn und Muḥammad ibn Yaḥyā aḏ-Ḏuhlī. Als Muḥammad b. Yazīd al-Mustamlī Imām Aḥmad fragte:

„Besaß er [ʿAbd al-Razzāq] Fiqh [Verständnis]?“, da antwortete ihm jener: „Wie selten ist Fiqh unter jenen, die Ḥadīṯ kennen.“[36]

Und Anas ibn Sīrīn erzählt:

„Ich kam nach Kufa und fand dort 4.000 Menschen, die sich dem

Ḥadīṯ hingaben, und [nur] 400, welche den Fiqh [dieser] besaßen.“[37]

Ibn ʿAbd as-Salām sagte:

„Die Mehrzahl der Ḥadīṯgelehrten ist unwissend im Fiqh!“[38]

Und zwar gemäß Ibn Sīrīn die Mehrheit von 90%, und dies zu Zeiten der Salaf!

aḏ-Ḏahhabī  schreibt:

„Die Mehrheit der Ḥadīṯgelehrten besitzt kein Verständnis [fiqh], keinen Eifer in Bezug auf das tatsächliche Wissen [d.h. die tatsächliche Bedeutung] des Ḥadīṯ und keine Furcht vor Allāh diesbezüglich!“[39]

Alle von aḏ-Ḏahhabī aufgelisteten Autoritäten, welche er als jene bezeichnet, „denen im Islam nachgeahmt“ wird, waren Fiqhgelehrte und sehr selten zugleich auch Ḥadīṯgelehrte.

As-Saḫāwī überliefert die gleiche Ansicht in seiner Biographie des Ibn Ḥaǧar names al-Ǧawāhir wa-d-Durār:

„Al-Fāriqī sagte: ‚Wer die Überlieferungsketten des Ḥadīṯ kennt, aber nicht die von ihnen abgeleiteten Normen [und Rechtssprüche], der wird nicht zu den Gelehrten der Scharia gezählt!‘“

Und auch sein Schüler Ibn Abī Aṣrūn vertrat diese Ansicht in seinem Buch Al-Intiṣār.[40]

 

Nicht jeder Ṣaḥīḥ-Ḥadīth stellt einen Beweis dar!

Ibrāhīm an-Naḫaʿī sagte:

„Wahrlich, ich höre ein Ḥadīṯ, dann sehe ich, welcher Teil davon zutrifft, akzeptiere diesen [zutreffenden Teil] und verwerfe den Rest!“[41]

Und Šayḫ Muḥammad ʿAwwāma sagte:

 „Das heißt, dass bewahrt wird, was von den Autoritäten bekannt ist, während alles Sonderbare, Unübliche oder Verurteilte verworfen wird.“

Und Yazīd ibn Abī Ḥabīb sagte:

„Hörst du einen Ḥadīṯ, so mach dies bekannt; ist der [ḥadīṯ] bekannt, so halte an ihm fest, ist er es nicht, so lass ihn!“[42]

Und Ibn Abī Layla sagte:

„Niemand hat Ḥadīṯ verstanden, ehe er nicht begriffen hat, was er davon annehmen und was er verwerfen soll!“ [43]

 

Und ʿAbd ar-Raḥmān ibn Mahdī, der Führer der Gläubigen im Bereich des Ḥadīṯ, sagte: „Es ist jedem verboten, Imām zu sein, ehe man nicht weiß, was gesund und ungesund ist, und ehe man nicht immer alles Gesunde als Beweis annimmt, und ehe man nicht den rechten Weg zum Befolgen des religiösen Wissens gefunden hat.“ [44]

Imām aš-Šāfiʿī überliefert, dass man zu Imām Mālik ibn Anas sagte:

„Ibn ʿUyayna überliefert von az-Zuhrī Dinge, die du nicht hast!“

Und er erwiderte ihm:

„Warum sollte ich jeden einzelnen Ḥadīṯ überliefern, den ich je gehört habe? [Dies täte ich nur,] wenn ich die Menschen in die Irre führen will!“[45]

 

 

[1]Gesammelt von Scheich Gibril F. Haddad.

 

[2] Ḥadīṯ des Propheten ṣallallāhu ʿalayhi wa sallam, überliefert von Muʿāwiya bei al-Buḫārī und Muslim,

[3] ʿĀlī al-Qārī, Mutaqad Abī Ḥanīfata al-Imām fī abaway ar-rasūl ʿalayhi aṣ-ṣalātu wa-s-salām, S.42.

[4] Ein beinahe massenüberlieferter [mašhūr], gesunder und authentischer Ausspruch des Propheten Muḥammad ṣallallāhu ʿalayhi wa sallam, überliefert bei at-Tirmiḏī, Abū Dāwūd, Ibn Māǧa, und Aḥmad.

[5] Ibn Abī Ḥātim in seiner Einleitung zu al-Ǧarḥ wa-t-taʿdīl [S.22-23.]; Ibn Abī Zayd, al-Ǧamiʿ fī al-Sunan [S.118-119]; Ibn ʿAbd al-Barr, al-Intiqāʾ [S.61]; aḏ-Ḏahhabī; siehe hierzu Šayḫ ʿAbd al-Fattāḥ Abū Ġuddas Kommentar zu jener Aussage in seinen Notizen über al-Lacknawī

[6]In Fatāwā al-Ḥadīṯiyya, S.283.

[7]Überliefert von Ibn Hibbān in seiner Einleitung zu al-Maǧruhīn [1;42]. Er überliefert dort die gleiche Aussage, in welcher zusätzlich die Namen ʿAmr b. al-Ḥāriṯ und Ibn Maǧišun aufgeführt werden.

[8]Überliefert von Ibn ʿAsākir und Bayhaqī, Ibn Raǧab in Šarh al-ʿIlāl (1;413) und ʿAwwāma, S.76.

[9]Überliefert von Qāḍī ʿIyāḍ in Tartīb al-Madārik (2;427).

[10]In Ibn al-Subkī, ṭabaqāt aš-šafiʿīyya al-kubra (2;128).

[11]Überliefert von al-Ḥāṭib in al-Faqīh wa-l-mutafaqqih (2;80).

[12]Scheich Ismāʿīl al-Anṣārī zitiert in Awwama, Aṯār (s.77).

[13]Ibn Ḥaǧar, Tahdib at-tahdib (10;449-452 #817) und aḏ-Ḏahhabī, Manāqib Abū Ḥanīfa .

[14]Überliefert von aḏ-Ḏahhabī in Taḏkirāt al-ḥuffāẓ (1;307) und Ibn Ḥaǧar in Tahdhīb al-Tahdhīb (10:450).

[15] Überliefert von Ibn ʿAbd al-Barr in al-Intiqā, s.124.

[16] Überliefert von aḏ-Ḏahhabī in Siyāt Bd 10, S. 205.

[17]Überliefert von al-Dhahabī in Siyar (10:205).

[18]Ibn Abī al-Wafāʾ, al-Ǧawāhir al-Mudiyya.

[19]In Ibn ʿAbd al-Barr, Ǧamīʿ Bayān al-ʿilm (1:83-84), al-Qāḍī ʿIyāḍ, Tartīb al-Madārik (2:62), aš-Šāṭibī, al-Muwaffaqāt (4:97-98).

[20]„Das nützliche Wissen ist jedes, welches die Brust erfüllt, und dessen Schleier vom Herzen gehoben sind! Ibn ʻAṭāʼullāh, Ḥikam (#213).

[21]Siyār, 10/642.

[22]Überliefert Mursal von Ḥasan durch Ibn ʿAsākir in seinem Tārīḫ und Al-Ḥāṭib in Al-Ǧamīʿ li-Aḫlāq ar-Rāwi (1;88) Jāmiʿ aṣ-Ṣaġīr (#9598) und Kanz (#29337).

[23]Zitiert von Dhahabī in Siyār (Al-ʿArnawūt ed. 9;158, 12;328-329).

[24]Dahabi, Taḏkirāt al-huffāẓ(1;307) und Ibn Ḥaǧar in Tahdhib al-Tahdhib (11;126-127).

[25]Al-Saḫāwī, al-Ǧawāhir wa-d-Durār, S.21.

[26]Ibn Raǧab, Šarḥ ʿilāl at-Tirmiḏī (1;411).

[27]Zitiert von Zayd ibn Abī ar-Zarqāʾ von aḏ-Ḏahhabī in Siyār (7;275).

[28]Al-Sakhāwī, al-Ǧawāhir wa-d-Durār, S.20-23.

[29]Überliefert von Al-Harawī al-Anṣārī in Ḏamm al-Kalām (4;139 #907).

[30]In Ibn ʿAbd al-Barr Gamiʿ Bayan al-ʿIlm (2;175).

[31]aḏ-Ḏahhabī, Taḏkirāt al-Huffāẓ, (2;776).

[32]Überliefert von Ibn Abī Hātim in seiner Einleitung zu seinem Ǧarḥ wa Taʿdīl (s.293), Ibn al-Ǧawzī in Manāqib al-Imām Aḥmad (s.63) und aḏ-Ḏahhabī in Tarīḫ al-Islām (im Abschnitt über Aḥmad).

[33]In Muslim und den vier Sunan.

[34] Bei Buḫārī und Muslim.

[35] In: as-Subki in Tabaqāt aš-Šāfiʿīyya, as-Saḫāwī in seiner Einleitung zu al-Ǧawāhir wa-d-Durār und al-Ḥayṯamī in seinen Fatāwā al-Hadīṯiyya (S.283). Ähnliches wird von Aḥmad durch Ibn Raǧab in seinem Ḏayl Ṭabaqāt al-Ḥanbalīya (1:131) und al-ʿUlaymī in al-Manhāǧ al-Aḥmad (2:208) überliefert.

[36]Überliefert von Abu Yaʿlā in Ṭabaqāt al-Ḥanbalīyya (1;329).

[37]Überliefert von Ar-Ramahurmuzi in Al-Muḥaddiṯ al-Fasil (s.560).

[38]Ibn ʿAbd as-Salām, al-Fatāwā al-Mawsiliyya (s.132).

[39]In Al-Saḫāwī, al-Ǧawāhir wa-d-Durār, (s.18).

[40]In Al-Saḫāwī, al-Ǧawāhir wa-d-Durār, (s.20-23).

[41]Überliefert von Ibn Abī Ḫayṯama durch Abū Nuʿaym im Hilya (4;225) und Ibn Raǧab in Šarḥ al-ʿilāl at-Tirmiḏī (1;413).

[42]In Ibn Rajab, Šarḥ ʿilāl at-Tirmiḏī.

[43]In Ibn ʿAbdulbarr, Gamiʿ Bayan al ʿIlm (2;130).

 

[44]Überliefert von Abū Nuʿaym in seinem Hilya (9;3).

[45]Überliefert von Khaṭīb in al-Gami li-Aqhlaq ar-Rāwi (2;109).

 

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