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Texte, die andeuten, dass Allah scheinbar die Eigenschaften von Körpern habe

Von: Scheich ʿAbd Al-Ghanī Al-Ghunaymī | Übersetzer: H. Citlak
Sonntag, 15 Mai, 2011 | In: Glaubensgrundlagen (ʿAqīdah)

Dieser Artikel ist mit freundlicher Erlaubnis von Ahlu-Sunnah.de übernommen worden.

Aus Scharḥ Al-ʿAqīdah Al-Tahawiyya (Damaskus: Dar Al-Fikr, 2. Ed. 1992) S. 72-73

Scheich  ʿAbd  Al-Ghanī Al-Ghunaymī Al-Maydānī al-Ḥanafī (g.  1298 n.  H.),  ein Schüler Imām     Ibn ‘Ābidīns und der Autor vieler berühmter Bücher in den islamischen Religionswissenschaften.

Wisse, wer auch immer sich nicht davor hütet die [erhabenen Attribute Allahs] zu leugnen und sich nicht davor zurückhält Ihm Attribute zuzuschreiben, welche Ähnlichkeit [zu den Attributen der Geschöpfe, wie es die Anthropomorphisten (Al-Mujassimah) tun] aufweisen, irrt und versagt darin, die Bedeutung der Transzendenz (Erhabenheit – Tanzīh) zu verstehen. Wahrlich, unser Herr, der Höchste und Majestätische [das heißt, Er übertrifft alles, was Ihm nicht gebührt], wird mit den Attributen der Einheit (Al-Waḥdāniyya) charakterisiert und mit den Eigenschaften der Einzigartigkeit (Al-Fardāniyya) beschrieben.

Kein Geschöpf ähnelt Ihm. Er ist hoch erhaben über [und unberührt von allen erschaffenen Eigenschaften, einschließlich] Beschränkungen (Al-Ḥudūd), Grenzen (Al-Ghayāt), Bestandteile (Arkān) und Glieder (Al-Adawāt).

Glieder oder Werkzeuge beziehen sich auf Gliedmaßen, ausgestattet mit Vorrichtungen. Texte, die andeuten, dass Allah scheinbar mit Werkzeugen charakterisiert ist, welche Gliedmaßen oder Organe sind, findet man reichlich im Qurʾān und in den Aḥādīth (Pl. v. Ḥadīth); Zum Beispiel die Erwähnung der Hand, des Fingers, des Fußes, der Seele und des Gesichtes. Betrachte Folgendes aus der Rede Allahs (subḥānahu wa taʿālā) im Qurʾān:

  • „die ‚Hand‘ Allahs ist über ihren Händen.‛ [48:10]
  • „O Iblis, was hindert dich daran, dich vor etwas niederzuwerfen, das Ich mit ‚Meinen Händen‘ geschaffen habe?‛ [38:75]
  • „dort ist das ‚Gesicht‘ Allahs.‛ [2:115]
  • „Aber das ‚Gesicht‘ deines Herrn bleibt bestehen‛ [55:27]
  • „Du weißt, was in meiner Seele ist, aber ich weiß nicht, was in Deiner ‚Seele‘[1]  ist.‛ [5:116]

Desweiteren betrachte folgende Aussagen des Propheten ( allallāhu ʿalayhi wa sallam) :

  • „Du bist, wie Du Deine ‚Seele‘ beschrieben hast.‛ [2]
  • „Die Herzen der Kinder Adams sind alle zwischen ‚den zwei Fingern‘ des Barmherzigen, wie ein einziges Herz. Er dreht sie, wie auch immer Er möchte. Wahrlich, Allah streckt Seine ‚Hand‘ in der Nacht aus, so dass diejenigen, welche tagsüber Vergehen begangen haben, bereuen können und Er streckt Seine ‚Hand‘ tagsüber aus, damit diejenigen, welche des Nachts Vergehen begangen haben, bereuen können. So wird Er es tun, bis die Sonne im Westen aufgeht.‛[3]
  • „Die Hölle hört nicht auf zu sagen: ‚Gibt es mehr? ‘, bis der Herr der Erhabenheit Seinen ‚Fuß‘ hineintut.‛[4]

Es ist für uns verpflichtend, diese Texte so zu überliefern, wie sie sind und ihre Bedeutung dem entsprechenden Redner zu überlassen [dies ist Allah oder Sein Prophet], während man daran festhält, dass der Schöpfer hoch erhaben darüber ist, Gliedmaße oder  Organe zu haben oder Kennzeichen von irgendwelchen erschaffenen Eigenschaften (Al-Sifāt Al- Muhdathah) aufzuweisen.

Imām Fakhr Al-Islam Al-Bazdāwī[5] merkt in seinem Werk über die Grundlagen des Fiqh an:

„Wir [die Ḥanafī Gelehrten] erkennen an, dass die ‚Hand‘ und das ‚Gesicht‘ feststehende Texte [des heiligen Gesetzes (Scharīʿa)] sind, aber wir verstehen auch, dass ihr Sinn und ihre Bedeutung unbestimmt sind. Gleichwohl ist es nicht gestattet, diese Texte zurückzuweisen, nur wegen unserer Unfähigkeit, ihre Bedeutung zu erfassen. Zurückweisung führte die Mu’tazila in die  Irre.

Der Imām [dies ist Abū Ḥanīfa], bemerkte in seinem Al-Wāsiyyah:

Wir erklären, dass Allah istiwā machte, ohne dies zu benötigen. Er verwaltet nicht nur den Thron, sondern auch alles andere. Wahrlich, wenn Er irgendetwas brauchen würde, so wäre Er nicht in der Lage gewesen, die Welt zu erschaffen und sie zu verwalten und hätte diese Unfähigkeit mit allen erschaffenen Dingen gemein. Wenn Er es bedürfen würde, Sich zu setzen (Julūs) oder eines Ruheplatzes oder Beständigkeit (Qarār) bedürfen würde, wo war Er dann, erhaben ist Er, bevor er den Thron erschuf? Wahrlich, Er ist erhaben über all dies und hoch erhaben darüber [über das physische Sitzen auf dem Thron und all  diese  anthropomorphistischen Absurditäten].‛ [6]

Beachte, wie Abū Ḥanīfa den ausdrücklichen Text der Offenbarung (ẓāhir Al-Tanzīl) übermittelt, ohne es zu deuten, während er gleichzeitig die Anforderungen der Transzendenz (Tanzīh) einhält und alles, was Seiner großartigen Majestät nicht würdig ist, leugnet.

Dies ist der Weg der Altvorderen[7] (Al-Salaf) und es ist der sicherere (aslam) Weg; wohingegen es der Weg der späteren Ulamā (Al-Khalaf) ist, zu interpretieren (Taʾwīl) – einige sagen, dass der Weg der Interpretation weiser (ahkam) ist.

Ibn Daqīq Al-ʿId (g. 625 n.H.) nahm den Mittelweg[8], denn er sagte:

„Wir akzeptieren Taʾwīl, wenn die Interpretation plausibel und vereinbar ist mit dem Gebrauch der Araber[9]; wohingegen wir vom Taʾwīl fernbleiben, wenn die Interpretation  weit hergeholt ist.‛

Ibn Humām vertrat auch einen Mittelweg, indem er den Taʾwīl erlaubte, wenn die Notwendigkeit bestand, die Unfähigkeit der einfachen Leute, den Tafwīd[10] zu verstehen, auszugleichen. Denn sie befanden sich in Gefahr, in den Anthropomorphismus (Taschbīh)[11] zu fallen. Jedoch lehnte er den Taʾwīl ab, wenn keine Notwendigkeit bestand. Ganz entsprechend des Temperamentes und intellektuellen Levels der jeweiligen  einfachen Leute.


[1] Allah  ist  eins.  Er  ist  nicht  zusammengesetzt  aus  Körper,  Seele  und  Geist  wie  es  Menschen sind. Bezüglich Allah bezieht sich die Seele auf Sein transzendentes Wesen (Dhāt).

[2] Überliefert bei Muslim, Abū Dāwūd, Al-Tirmidhī, Al-Nasāʾī, Ibn Majāh und anderen, wie es in Fatḥ al- Qadīr erwähnt wird. (S. 149 B. 2)

[3] Überliefert bei Aḥmad und Muslim, wie es in Fatḥ Al-Kabīr S. 352 B. 1 erwähnt wird. Aḥādīth lehren uns, dass nahe der Endzeit Allah die Sonne anweisen wird, im Westen aufzugehen. Von dieser Zeit an wird keine Reue mehr möglich sein und wer bis dann nicht gläubig war, wird es nie sein.

[4] Überliefert bei Al-Bukhārī, Muslim, Al-Tirmidhī, Al-Nasāʾī wie in Fatḥ al-Kabīr S. 352 B. 1 erwähnt wird.

[5] Er ist ʿAlī ibn Muḥammad al-Bazdāwī (g. 482 n.H.). Er ist ein Ḥanafī Imām, ein Faqīh, Muḥaddith   und U ūlī (ein Meister der Rechtswissenschaften, der prophetischen Tradition und der Grundlagen der Rechtswissenschaft). Seine Bücher werden immer noch studiert in den religiösen Schulen (Madāris) Indiens, Pakistans, Bangladeschs, Türkeis, Afghanistans und anderswo. Das Buch, auf welches oben angespielt wird, wird U ūl al-Bazdāwī genannt. Es gibt einen Kommentar dazu von ʿAla Al-Dīn Al-Bukhārī, welcher von vielen Gelehrten als das ultimative Ḥanafī U ūl Al-Fiqh Werk (ein Werk über die Grundlagen des heiligen Gesetzes) angesehen wird.

[6] Imām  Al-Haramayn   Al-Juwaynī  formulierte  die  Angelegenheit  folgendermaßen:  „Allah  war    und nichts war mit Ihm. Dann erschuf Er den Thron und Er ist nun, wie Er vorher schon war.‛ Imām Ghazālī (g. 505 n.H. / 1111 n.C.), einer der berühmtesten Sprecher des Islam und ein Imām im Bereich der Glaubenslehre, wies auf die heilige Erhabenheit und Transzendenz Allahs  (subḥānahu wa taʿālā)  mit einer Formulierung hin, die berühmt werden sollte: „Weder ist Er in dieser Welt noch außerhalb ihrer; und weder ist Er angrenzend an die Welt noch getrennt von ihr.‛ (Al-Ghazālī, Al-Iqtisād fī Al-Iʿtiqād, Kairo: Subaiʿī, 1390 n.H. S. 28)

[7] Der arabische Begriff Al-Salaf bezieht sich auf die ersten drei Generationen der Muslime. Der  Prophet ( allallāhu ʿalayhi wa sallam) sagte: „Die beste Generation ist meine Generation und dann die, die ihr folgt und dann die, die dieser folgt.‛ Es ist ein Ḥadīth, der über jeden Zweifel erhaben ist, zumindest von der Bedeutung her, da er uns durch eine Vielzahl von Quellen und verschiedene Überlieferungsketten (Turūq) erreicht hat. Er liefert uns also das, was die Gelehrten Al-Tawātur Al-Maʿnawī (wiederkehrende Bedeutung) nennen, und uns somit eine Quelle gesicherten Wissens.

[8] Er meint den Mittelweg zwischen Tafwīd (die Bedeutung der unklaren Texte –Mutaschabihāt- Allah überlassen) und Taʾwīl (im Einklang mit dem heiligen Gesetz interpretieren, in Akzeptanz mit den Gelehrten der arabischen Sprache).

[9] Mit den Arabern meint er die Araber, welche reines Arabisch sprachen – sie sind auf die vorislamische oder frühislamische Zeit begrenzt.

[10] Die Bedeutung Allah überlassen, während man die göttliche Transzendenz wahrt.

[11] Ibn Humām weist darauf in seinem Buch Al-Musayarah hin.