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Istiwāʾ und Umgang mit mehrdeutigen Versen gemäß den Altvorderen (salaf) und Späteren (ḫalaf)

Von: Imām ʿAlī Al-Qārī | Übersetzer: H. Citlak, Muhammed F. Bayraktar
Freitag, 27 Mai, 2016 | In: Glaubensgrundlagen (ʿAqīdah)

 Istiwāʾ und Umgang mit mehrdeutigen Versen

gemäß den Altvorderen (salaf) und Späteren (ḫalaf)

Übersetzt von H. Citlak & Muhammed F. Bayraktar

 

 

ʿALĪ AL-UŠĪ – möge Allah mit ihm zufrieden sein – sagte:

 

wa-rabbu l-ʿarši fawqa-l-ʿarši lākim

bi-lā wasf at-tamakkuni wa-t-tisāli

Der Herr des Thrones ist über dem Thron, aber

ohne die Eigenschaft des ‚Festhaltens‘ oder des ‚Berührens‘.[1]

 

ʿALĪ AL-QĀRĪ – möge Allah mit ihm zufrieden sein – kommentiert:

 

Mit „Herr des Thrones“ ist der Schöpfer und Besitzer des Thrones gemeint, wobei sich [diese Aussage mit] Aussagen wie „Herr des Hauses“, oder „Herr Ǧibrīls“ vergleichen lässt. Der Thron selbst ist das größte Objekt der Schöpfung und umfasst alles. Allah – erhaben und makellos ist Er – sagte: „Der Allbarmherzige machte istiwāʾ über dem Thron.“ [20:5]

Gemäß der Methodik der Späteren [ḫalaf] wird istiwāʾ als „bemächtigen“ [istiʿlā] verstanden, und die hohe Position der Altvorderen [salaf] ist, [den Begriff] überhaupt nicht zu deuten. Vielmehr glaubten sie an den Begriff, wie er offenbart wurde, nämlich in der Bedeutung der Erhabenheit und Transzendenz [tanzīh], welche die Ähnlichkeit zur Schöpfung [tašbīh] negiert. Sie waren der Überzeugung, dass die Bedeutung [dieser Begriffe in diesem Kontext] Gott und Seinem Wissen überlassen werden sollte [tafwīḍ]. So sagte IMĀM MĀLIK – möge ALLAH sich seiner erbarmen –:

„Istiwā ist bekannt. Die Beschaffenheit [kayf] ist unbekannt. Darüber zu fragen, ist eine üble Erneuerung. Daran zu glauben ist verpflichtend.“[2]

Dies ist auch die Meinung unseres Imāms Abū Ḥanīfa in dieser Angelegenheit. Gleiches gilt für die mehrdeutigen Versen und Überlieferungen, in denen [Begriffe wie] „Hand“, „Augen“, „Gesicht“ und andere Attribute [Gottes] erwähnt werden. Das Wort „über“ [fawqa] wird [im gleichen Sinne verstanden] wie [im Vers] „Er ist der, der über Seine Diener Macht ausübt“ [6:18], oder „sie fürchten ihren Herren über sich“ [16:50]. Unsere Vorfahren erklärten die Wörter „über“ oder „oberhalb“ nicht mit Größe oder Erhabenheit, wie es die späteren Gelehrten taten. Der Autor [ʿALĪ AL-UŠĪ] ersetzte das im Koran verwendete Wort durch ein Synonym, um es dem Versmaß anzupassen. Dann klärte er dies auf, indem er folgenden Zweizeiler dichtete: „oberhalb, und es bedeutet nicht ‚festhalten‘ oder ‚berühren‘.“ Hierdurch erklärt er, dass es nicht „ruhen“ bedeutet oder Aspekte eines „Ankommens“ beinhaltet. Derartige Zuschreibungen sind in Bezug auf Gott unmöglich [muhāl].

Dieser Vers ist auch eine Widerlegung der Karrāmīya und der Muǧassima. Sie schreiben Allah – erhaben und makellos ist Er – eine Richtung [ǧiha] zu. Die Karrāmiyya bestätigt die Richtung „Oben“ für Allah, ohne das Sitzen/Niederlassen [istiqrār] auf dem Thron zu bestätigen. Die Muǧassima, also die Ḥašwiyya, bestehen darauf, dass Allah – erhaben und makellos ist Er – sich niederließ/setzte, indem sie diesen Koranvers zitieren und seine wortwörtliche Bedeutung bestätigen, obgleich sie keinen Beweis für solche Behauptungen haben. Denn Istiwāʾ hat viele mögliche Bedeutungen, darunter „bemächtigen“, „überwältigen“, „kontrollieren“ und ähnliches. So sagte der Dichter:

Qad istiwāʾ bišrun ʿalā l-ʿirāqi

min ġayri sayfin wa-dammin miḥrāqi

Wahrlich, Bišr hat sich des Iraks bemächtigt,

ohne Schwerter zu nutzen und ohne Blutvergießen.

 

Dies ähnelt der Aussage Allahs – erhaben und makellos ist Er: „Und als er seine volle Kraft erreicht und reif geworden war“ [28:14]. Hier wird das Wort istiwāʾ in der Bedeutung „vollendet“ oder „perfektioniert“ benutzt. In der Aussage Allahs: „Und das Schiff kam auf dem Yūdīʾ zur Rast“ [11:44], wird istiwāʾ mit der Bedeutung „rasten“ verwendet. Deswegen kann dieser Vers nicht als gesicherter Beweis [für ihre Behauptung] angesehen werden, wenn so viele unterschiedliche Wortdeutungen gegeben sind.

Wenn gefragt wird: „Was ist dann der Grund für die Offenbarung dieser mehrdeutigen [mutašābihāt] Verse?“, antworte ich:

Diese wurden offenbart, um die Unfähigkeit und Machtlosigkeit der Schöpfung und ihren versagenden Intellekt im Verstehen der Bedeutung des göttlichen Wortes zu demonstrieren. Ebenfalls wurden sie gegeben, um die Dienerschaft und den Glauben der Diener zu prüfen. So sagen ja die Gelehrtesten: „Wir glauben wahrlich daran [an all das, was offenbart wurde]. Alles ist von unserem Herrn.“ [3:7]

Sie ergeben sich [tafwīḍ] Allah und glauben an die Bedeutung, die Allah beabsichtigte, ohne zu versuchen, diese Bedeutung zu erkennen. Dies ist die höchste Perfektion, die ein Diener erreichen kann. Zudem ist dies die Position unserer Altvorderen. Sie hielten sich fern von der Beschreibung und Erläuterung der mehrdeutigen Verse. Die späteren Gelehrten hingegen entschieden sich dafür, diese Verse zu erklären, ohne jedoch auf der Erklärung zu beharren oder mit Sicherheit zu behaupten, dass dies genauso von unserem Herrn – erhaben und makellos ist Er – gemeint ist.

Dienerschaft [ʿubūdiyya] ist weitaus stärker als Anbetung. Dienerschaft erfordert die Zufriedenheit mit den Handlungen des Herrn. Anbetung bedeutet, das zu tun, was dem Herrn gefallen könnte. Sicherlich, das Wohlgefallen mit Allah [riḍā] ist viel wichtiger, als es Handlungen und Taten [aʿmāl] sind. So viel wichtiger, da das Verlassen des Wohlgefallens mit Gott Apostasie ist. Das Verlassen der Taten jedoch bedeutet Ungehorsam und Sünde [fisq]. Für die Anbetung gibt es ein Ende und zwar im Jenseits. Doch für die Dienerschaft existiert kein Ende in beiden Welten.

Es ist nur allzu klar, dass die Methodik unserer Altvorderen die sicherste und lehrreichste ist, während die der Späteren hervorragend und genauer ist.

Und Allah – erhaben und makellos ist Er – weiß es am besten.

 

[1] ʿALĪ AL-UŠĪ, Badʾ al-āmālī. Dieses Werk gehört zu den Standardwerken im Bereich der ʿAqīdah. Es gehörte zum Lehrplan der Medresen im Osmanischen Reich und wurde von Studenten auswendig gelernt.

[2] Diese in unserer Zeit leider oft verwendete Überlieferung des IMĀM MĀLIK besagt: „kayf maǧhūl“, was bedeutet: „die Beschaffenheit ist unbekannt“. Diese Überlieferung, korrekt verstanden, bringt keine Probleme mit sich. Jedoch wird sie in unserer heutigen Zeit von der Salafīya missbraucht. Daher ist es wichtig zu betonen, dass diese Überlieferung in diesem Wortlaut unüblich ist und im Widerspruch zu authentischeren Überlieferungen steht [šāḏ]. Die authentische Überlieferung von IMĀM MĀLIK lautet, dass eine Beschaffenheit vollkommen undenkbar ist bezüglich Allah, es keine Beschaffenheit für Ihn gibt und dass das Sprechen darüber in Bezug auf Allah falsch ist. Dies ist überliefert von AL-BAYHAQI mit einer gesunden Kette in al-Asmāʾ wa al-Ṣifāt (2:305-306, #867), AL-ḎAHABĪ in Sīyar (7:416), IBN ḤAǦAR AL-ʿASQALĀNĪ in Fatḥ al-bārī (Ed. 1959, 13:406-407; Ed. 1989, 13:501). Ähnliches in AL-BAĠAWĪ in Šarḥ al-sunna (1:171), IBN ABI ZAYD AL-QAYRAWĀNĪ in al-Ǧāmī fī al-sunan (S. 123), ABU NUʿAYM in Ḥilya (6:325-326), IBN ʿABD AL-BARR in al-Tamhīd (7:151) und IBN ḤAǦAR in Fatḥ al-bārī (13:407). 

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